BRAZIL

BRAZIL

Gerald Benesch

Ja, den Zuckerhut gibt es, wenn auch mit einer klobigen Seibahnstation oben drauf. Am ersten Tag gleich mit dem Leihrad die Nachbarstrände Copacabana und Ipanema besucht, in den Nebenstrassen die Klasse des Lebens hier, die Fokussierung auf das bunte Strandleben als Lebensbaustein entdeckt. Und am zweiten Tag schon eine typische Strassenparty, mit dem gruppendynamischen Tanz „Baille-Charme“ versucht mitzuschwingen, in den vorgegebenen Schritten – zu wunderbar kitschiger Discofunk-Musik der 80er und 90er.

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Die Mausmatratze

In der Altstadt, vor allem rund um die Touristenlokale sind andauernd Männer mit grossen, schwarzen Haushalts-Müllsäcken auf der Suche nach den zahlreichen weggeworfen Bierdosen. Was bei uns ein inzwischen für einige tatsächlich lohnendes Sammeln ist, wird hier nur nach Metall und Gewicht entlohnt. Entsprechend ziehen die Männer dann die ganze Nacht umher und schlafen tagsüber auf Gehsteigen, in verlassenen Hauseingängen, auf Pappkartons. Natürlich kommt es dabei auch zu besonderen Fundstücken, die irgendwo in ihrer Welt auch einen Wert haben. Hier, vor der Nachbarschaftsbar an der Ecke kommt ein junger, mäßig verwahrloster Mann vorbei, der eine Matratze schultert. Damit sie in der gerollten Form bleibt, hat er sie mit etwas zusammengebunden – einer schwarzen Schnur?
Nein, das dranhängende fette Ende ist eindeutig eine Computermaus an ihrem Kabel.

Candomblé und Voodoo…

…sind zwar verwandt, aber sie haben sich in unterschiedlichen Ländern und Kulturen ziemlich verschieden entwickelt. Beide Religionen stammen ursprünglich aus Westafrika, besonders aus Gebieten wie dem heutigen Benin – und wurden durch die Versklavung afrikanischer Menschen in die Neue Welt gebracht. In Benin ist der Voodoo (oder Vodun) die ursprüngliche, traditionelle Religion – dort wird er bis heute ganz selbstverständlich praktiziert. Die Geister, die man ehrt, heißen dort „Vodun“, die Rituale drehen sich stark um Naturkräfte, Ahnen und Heilung. In Haiti hat sich daraus der haitianische Voodoo entwickelt – eine Mischung aus afrikanischen, katholischen und erhaltenen einheimischen Elementen. Viele Geister bekamen dort neue Gestalten und Namen, etwa indem sie mit katholischen Heiligen verschmolzen.

Candomblé wiederum entstand in Brasilien, besonders im Staat Bahia. Er basiert ebenfalls auf afrikanischen Wurzeln – vor allem Yoruba-Traditionen. Auch hier vermischen sich afrikanische Götter (die Orixás) mit katholischen Einflüssen. In Brasilien spielen im Candomblé die Orixás eine zentrale Rolle, göttliche Wesen die Naturkräfte und menschliche Eigenschaften verkörpern. Hier sind fünf der bekanntesten: OXALÁ – Er gilt als der „Vater“ aller Orixás, steht für Frieden, Weisheit und Schöpfung. Meist trägt er Weiß, weil das Reinheit und Ruhe symbolisiert.

IEMANJÁ – Die Königin des Meeres. Sie beschützt Familien, Mütter und Kinder. Am Neujahrstag bringen viele Brasilianer ihr Blumen und kleine Geschenke ans Meer. OGUM – Der Kämpfer und Schutzpatron der Arbeiter. Er ist der Orixá des Eisens, der Technik und des Fortschritts – also ziemlich modern für einen Gott aus alten Zeiten. XANGÔ – Der Herr des Donners und der Gerechtigkeit. Er liebt Macht, Wahrheit und gutes Essen. Seine Anhänger sagen, er sorgt dafür, dass Ungerechtigkeit bestraft wird. OXUM – Die Göttin der Süßwasserflüsse, der Liebe und der Schönheit. Sie steht für Weiblichkeit, Sanftheit – und ein bisschen Luxus.

Zusammen zeigen diese, wie vielfältig der Candomblé ist: stark, sinnlich, spirituell und tief mit der Natur verbunden. In der Tradition glaubt man, dass jedes Lebewesen eine Lebensenergie hat, genannt Axé. Wenn ein Tier geopfert wird – meist Hühner, Ziegen oder Tauben – geht diese Energie an den Orixá, um Dankbarkeit zu zeigen, um Schutz oder Heilung zu erbitten oder um ein Versprechen einzulösen. Das Ganze passiert mit viel Respekt und nach genauen religiösen Regeln.

Das Fleisch wird in der Regel nicht verschwendet. Nach der Zeremonie wird es gekocht und mit der Gemeinschaft geteilt – das Opfer hat also auch eine soziale Bedeutung.

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Eine Bereitschaft den Abend sanft, bunt und laut und genussvoll anzugehen – das ist Rio! Da spielen dann schrill kostümierte Blaskapellen Discohits oder Sambaklassiker an öffentlichen Plätzen, an fixen Tagen oder im Rahmen dieses Blasmusikfestivals. Stände mit Fastfood, Caipirinhas und Bier rahmen das Ganze ein, die Stunden vergehen mit Tanzen und Lachen. Stelzengehende Elfen sind die Norm! Zweimal ums Eck bei einem Bar-Kiosk dann eine Roda de Samba – fünf Musiker mit Mandoline, Geige und Percussion sitzen an einem Tisch und spielen im Stil nördlicher Bundesstaaten. Dahinter ein DJ für später. Um Mitternacht ist alles vorbei, leider.

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Turbulente Geschichte(n)

Nach der Ankunft der Portugiesen 1500 – der „Entdeckung“ durch Pedro Álvares Cabral – wurde Brasilien Teil des portu- giesischen Kolonialreichs. Über drei Jahrhunderte blieb es eine Kolonie, geprägt von Zuckerrohrplantagen, Sklaverei und der Ausbeutung indigener und afrikanischer Bevölkerung. 1808 floh die portugiesische Königsfamilie vor Napoleons Truppen nach Rio de Janeiro, was Brasilien erstmals politisch aufwertete. 1822 erklärte Dom Pedro I. die Unabhängigkeit und wurde Kaiser des neuen Kaiserreichs Brasilien – einer konstitutionellen Monarchie, die bis 1889 bestand.

Nach einem Militärputsch wurde die Monarchie abgeschafft und die Erste Republik (1889–1930) ausgerufen – ein föderaler Staat mit starkem Einfluss regionaler Oligarchien. Eine „Kaffee mit Milch“-Politik zwischen São Paulo und dem Bundesstaat Minas Gerais.

1930 übernahm Getúlio Vargas durch einen Staatsstreich die Macht. Seine Herrschaft führte zum autoritären Estado Novo (1937–1945), einer Diktatur mit Zensur, Nationalismus und zentraler Kontrolle. Nach seinem Sturz kehrte kurzzeitig die Demokratie zurück, die bis 1964 Bestand hatte, geprägt von wirtschaftlicher Modernisierung und politischen Spannungen.

1964 putschte das Militär – damit begann eine Militärdiktatur bis 1985. Sie schaffte Parteienvielfalt und Bürgerrechte weitgehend ab, führte Zensur und Folter ein, rechtfertigte ihr Regime jedoch als „nationale Sicherheit“. Zugleich verfolgte sie ehrgeizige wirtschaftliche Projekte und trieb Industrialisierung und Infrastruktur voran, oft mit sozialer Ungleichheit als Folge. Ab 1979 begann eine vorsichtige „Abertura“ (Öffnung), die schließlich zur Rückkehr zur Demokratie führte.

1985 wurde Tancredo Neves indirekt gewählt (starb jedoch vor Amtsantritt), sein Vize José Sarney übernahm das Amt. Seitdem ist Brasilien eine föderale präsidentielle Republik, mit demokratischen Wahlen und einer Verfassung von 1988, die Grundrechte, Pressefreiheit und Gewaltenteilung garantiert. Trotz Krisen, Korruption und Machtwechseln – von Lula da Silva bis Bolsonaro – blieb die Demokratie formal bestehen. Die Militärdiktatur von 1964 bis 1985 gilt bis heute als die klarste diktatorische Phase in Brasiliens moderner Geschichte.

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Der erste Eindruck von Salvador dr Bahia gilt der Architektur. Am Rande des alten Stadtviertels Pelaurinho treffen sich verkommene Bürgerhäuser mit Barockkirchen, Glas&Beton-Wohnbauten der 60er. Dazwischen eine Gasse mit Früchtemarkt, ausgehöhlte, innen einstürzende Prachtbauten des 19.Jhdts und dann die renovierten alten Gassen voller Touristen und deren Shops, Unesco-Kulturgut.

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Die Filhos de Gandhy

Die „Söhne Gandhis“ sind eine legendäre Karnevalsgruppe aus Salvador da Bahia, die 1949 gegründet wurde. Entstanden ist sie aus einer Gruppe von Hafenarbeitern, die sich nach dem Krieg von Mahatma Gandhis Friedensbotschaft inspirieren ließen.

Sie wollten etwas Neues schaffen: eine Gruppe, die im Karneval nicht einfach nur feiert, sondern auch für Frieden, Würde und die afrikanischen Wurzeln der schwarzen Bevölkerung Bahias steht.

Ihr Auftritt ist bis heute unverwechselbar. Diese Männer tragen weiße Gewänder und Turbane, die an indische Kleidung erinnern, und schmücken sich mit blauen und weißen Perlen – den Farben des Candomblé-Gottes Oxalá, der für Reinheit und Frieden steht.

Wenn sie durch die Straßen ziehen, ist das mehr eine feierliche Prozession als ein lauter Umzug – begleitet von Trommeln, Gesängen und dem typischen Afoxé-Rhythmus, der tief in afrikanischen Traditionen verwurzelt ist.

In den 1950er-Jahren waren die Filhos de Gandhy ein echtes kulturelles Statement. Sie brachten Spiritualität, Stolz und afrikanisches Erbe mitten in den Karneval und wurden damit zum Vorbild für viele spätere afrobrasilianische Gruppen. Bis heute gehören sie zum Herz des Karnevals in Salvador – ruhig, stark, voller Symbolik – ein lebendiger Ausdruck von Identität und Frieden.

Aus dieser Bewegung entstanden später weitere Blocos Afro, die den Stolz auf afrikanische Wurzeln in den Karneval trugen: Ilê Aiyê mit farbenprächtigen afrikanischen Gewändern und starkem Black-Power-Selbstbewusstsein, Olodum mit seinen bunten Kostümen und mitreißendem Samba-Reggae, Malê Debalê mit historischen, an afrikanische Könige erinnernden Kostümen, und Muzenza, die traditionelle Motive mit moderner Street-Ästhetik verbinden.

Afrika lebt in Salvador de Bahia ein zweites Leben.

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Rio war ewig Verwaltung und Strandkultur. Salvador de Bahia war Sklaverei, deren Produkte und die Verschiffung davon, voll der Kultur die afrikanische Einflüsse hier entstehen liessen: Capoeira, der Kampfstil der sich als Tanz tarnt, Samba und Candomble, die Mischreligion aus christlichen und afrikanischen Elementen. Aber immer wieder Samba: ein Gefühl von Leichtigkeit in Schritt und Kopf.

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Momente…1

Während in der frisch renovierten, marmorgetäfelten Barock-kirche des alten Viertels Santo Antonio abends das Glaubensbekenntnis gesungen wird, erklingt das brasilianische, eigentliche, links von der Haustür, in der Bar daneben, in Form des Samba.

Momente…2

Um der leidigen Frage, ob man das Glas als halbleer oder halbvoll sieht, vielleicht zu entgehen, greift ein schon gut betrunkener Mann am Nebentisch zu seiner eigenen Methode: Er sitzt auf einem kleinen Platz in der Altstadt und trinkt Bier aus einem Plastikbecher. Nach jedem Schluck füllt er diesen aus der Flasche wieder bis zum Anschlag voll.

Momente…3

Auf den kleinen, steilen Gassen welche die Hochstadt mit tiefer gelegenen, verfallenden Teilen des Pelaurinho-Stadtteiles verbindet, erschreckt mich ein junger Mann der plötzlich hinter mir auftaucht und im Vorbeigehen anscheinend mein Tattoo cool findet. In Schlappen und einer Art Badehose bekleidet sehe ich jetzt von hinten dass er eine elektronische Fußfessel trägt…

Momente…4

Der kleine lokale Friseur ist der weltweit übliche Treffpunkt für reife Herren die sich unterhalten wollen. Die Rasur mit der elektrischen Maschine die der glatzköpfige Mann mit diversen Piercings im Gesicht macht – der vermutlich nur ein Freund des Friseurs ist – erfolgt relativ gleichmäßig.

Zwischendurch wird mir klar, dass anscheinend auch hier Friseure aus schwarzgeldtechnischen Gründen nur mit Cash zu bezahlen sind. Dass ich nichts dabei habe, kann ich dank Google Translate klarmachen, biete aber an im Geschäft gegenüber etwas zu kaufen das den 15 Reales, also 2,5 € entspricht.

Mein Raseur kommt kurz mit hinüber, weist auf eine Packung Kaffee die den Wert entspricht – und so haben wir uns schulterklopfend und Hände schüttelnd auf diese Form der Bezahlung geeinigt!

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In den letzten Jahren ist in Salvador zur Stärkung der afrobrasilianischen Identität und der Frauenbewegung eine starke weibliche Percussion-Szene entstanden.. Maracatu-Gruppen haben einen ganz eigenen Rhythmus, der kraftvoller und „erdiger“ ist als Samba – ein elegantes einstimmiges Trommel-Erdbeben. Kongo-angolanische Traditionen sind das, basierend auf den Bruderschaften der afrikanischen Diaspora und auf religiöse Rituale, die sich im Bundesstaat Pernambuco während der Kolonialzeit entwickelten.

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Momente…5

Auf dem Weg zum Supermarkt in dem Viertel in dem es laut meinem AirBnb-Host abends auch um Crack geht, kommt mir in einer schmalen Gasse auf dem Gehsteig zu hier überall irgendwo hörbarer Musik ein junger Mann, mich quasi zum Mittanzen einladend, mit Sambaschritten entgegen.

Irgendetwas daran irritiert mich und ich will zwischen Autos auf die Straße ausweichen. Gleichzeitig sehe ich rechts eine Dame in der Art und Aufmachung, sich die Haare bürstend, im Toreingang stehend, die mich sofort an ein Bordell denken lässt. Der Bursche winkt mich aber lächelnd an sich vorbei und als ich mit ihm auf gleich bin, tippt er blitzschnell mit zwei Fingern an meine Sonnenbrille. Ein halblustiger Hinweis darauf, dass er sehr wohl auch andere Absichten gehabt haben könnte…

2x Tatar bitte!

Essen und Trinken sind Notwendigkeiten – aber auch die Möglichkeit zum Genuss. Und den bevorzuge ich! Nachdem ich gerne koche und auch hier in Rio im AirBnb schon mal Avocados und ein schönes Stück Filet anbriet oder in den Straßenständen und Lokalen einiges an Frittiertem verspeiste, gönne ich mir am letzten Abend vor dem Weiterflug nach Bahia Besonderes.

Leblon ist das Nobelviertel am westlichen Ende von Ipanema, exklusive Shopping Malls und feine Restaurants der Standard. Das NOA ist an einer Kreuzung mit drei anderen toll designten Lokalen das mich am meisten ansprechende, die Speisekarte nach meinem heutigen Gusto. Bei den Vorspeisen finde ich Tatar von Fisch und solches von Rindfleisch. Sicher eine ungewöhnliche Wahl aber eine lohnende!

Der happengross geschnittene Fisch mit einer gewissen Schärfe, einem Stück würziger Kräuterbutter und einer dünnen frittierten Oblate als designte Spachtel ist schon phänomenal frisch, die beiden Teller verschieden geformte, grobe Keramik. Das Fleisch ist sehr fein mit dem Messer geschnitten, nicht die europäischen Vorgaben und Chichi nachbetend, also ohne Kapern und Ei von der Wachtel. Und trotzdem ein würziges Tatar! Brasilien ist der größte Exporteur von Rindfleisch weltweit, also ist ein bisschen Eigensinn erlaubt.

Ein Chardonnay aus Chile und ein Malbec aus Argentinien ergänzen wunderbar die beiden beglückenden Speisen. Am Tisch daneben sitzen junge noble Damen die sich schon mal versehentlich zu viel bestellen und es sich dann im doggy bag mitgeben lassen.

Von wegen to-go: Im 19. Jahrhundert kursierte in Frankreich die Vorstellung, dass die mongolisch-tatarischen Reiter ihr Fleisch roh unter dem Sattel weichritten, um es unterwegs leichter essen zu können. Daher der Name für diese rohe Speise.

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Meine Tage gehören dem Erkunden des architektonischen Stilmixes von Salvador de Bahia, den oft leerstehenden Privathäusern der Jahrhundertwende, den loftartigen Umbauten von AirBnbs, den Ecklokalen im Viertel mit Käsebällchen und Bier, den Familien die dort für eine Tauffeier das Essen inkl. Wärmeplatte mitnehmen. Die Abende gehören dem Flanieren durch die Gassen, dem Verweilen bei einem Caipirinha in einer Bar mit lauter Sambamusik, dem Beobachten der Nachtschwärmer, der Altmetallsammler an den Mistkübeln…

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AFROPUNK ist eine Festivalserie professionellster Art, mit diversen Selfiestationen, oft in Verbindung mit Produkt promotions. Die Musik kommt live auf grossen Open-Air-Bühnen von brasilianischen Popstars, von modernem Sambaeinflüssen. Die Hauptatraktion sind aber die Besucher hier in Salvador de Bahia, wunderbare Selbstinszenierungen, genderüberschreitend, bunt und irgendwie selbstverständlich! Liniker, die transsexuelle Grande Dame des Landes wird Tage später den Hispanic Grammy für ihre Musik in Las Vegas abholen.

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Das 1. Artivist-Statement

Durch Zufall komme ich zu Veranstaltungen eines weltweiten Movements. Der zweiten Veranstaltung dieser Art, im Vorjahr war sie in Südafrika. 300 Menschen aus der ganzen Welt sehen sich als Aktivisten, Motivatoren die durch Kunst – im weitesten Sinne und Aktionen damit – am Weltgeschehen rütteln wollen. Spannende Vorträge, Sprecher, Mentoren, Aktivisten auf den Bühnen und bei den Teilnehmern. Hier eines der Manifeste:

„Was wäre, wenn die Zukunft in unseren Vorfahren läge?

Während der Kolonisierung dieses Gebiets, das wir heute Salvador und Bahia, nennen, erlitten die indigene Bevölkerung und die versklavten Afrikaner einen Holocaust, der von brutaler Gewalt, Vertreibung und unvorstellbarer Entmenschlichung durch die Kolonisatoren geprägt war. Ihrer Autonomie, Sicherheit und Würde beraubt, schlossen sich diese Vorfahren auf diesem Land zusammen und vereinten Wissen, Spiritualität und Kreativität, um neue Strategien des Überlebens, des Widerstands und der Transzendenz zu entwickeln. Pelourinho, das historische Herz von Salvador, war der Ort, an dem versklavte Afrikaner zusammengetrieben, gehandelt und bestraft wurden.

Heute ist es pulsierendes Zentrum der afrobrasilianischen Kultur mit ihrer Musik, ihrem Tanz und ihrer Kunst, die Freude ausstrahlen, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Weltweit führen heute verschiedene Diaspora-Gemeinschaften dieses Erbe fort. Durch Kunst entwickeln sie wirkungsvolle Überlebens- und Widerstandsstrategien, die ihren eigenen Gemeinschaften tiefgreifend zugänglich sind, aber oft unsichtbar und unerreichbar für die Systeme bleiben, die sie unterdrücken wollen.

Was wäre, wenn wir aus diesen alten und wirksamen Techniken schöpfen könnten, um neue Strategien für unsere Zeit zu entwickeln? Was wäre, wenn wir uns kreativ über Grenzen und historische Grenzen hinweg verbinden könnten? Was wäre, wenn Strategien aus verschiedenen Kulturen und Regionen sich gegenseitig ergänzen und neue Wege des Handelns, des Überlebens und der Heilung gestalten könnten? Diese Fragen werden unsere Erfahrungen prägen.“

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Und der Oscar für Architektur geht an…

Oscar Niemeyer (1907–2012) war so etwas wie der Rockstar der brasilianischen Architektur. Er hat das Bild von Brasilien mit seinen geschwungenen, eleganten Bauten geprägt wie kaum ein anderer. Besonders bekannt ist er für Brasília – die futuristische Hauptstadt, die in den 1960er-Jahren mitten im Nichts entstand. Viele der berühmten Gebäude dort, etwa der Palácio da Alvorada oder die Kathedrale von Brasília, stammen aus seiner Feder.

Niemeyer liebte Kurven – für ihn spiegelten sie das Leben, die Natur und den menschlichen Körper wider. Statt steifer, kantiger Formen setzte er auf fließende Linien und eine fast sinnliche Leichtigkeit. Dabei zeigte er, dass moderne Architektur nicht kalt und technisch sein muss, sondern auch voller Emotion und Fantasie stecken kann. Seine Ideen haben nicht nur die Architektur, sondern auch das brasilianische Design insgesamt beeinflusst. Niemeyer machte klar: Kreativität und Lebensfreude gehören genauso zum Bauen wie Beton und Stahl.

Er war sein ganzes Leben lang überzeugter Linker und Kommunist. Als die Militärs 1964 an die Macht kamen, geriet er sofort ins Visier: Sein Büro wurde durchsucht, er verlor Stellen an der Uni – und 1965 trat er aus Protest zusammen mit vielen anderen Professor*innen zurück. Kurz danach ging er sogar ins Exil nach Paris. Dort baute er unter Wenigem anderen auch das geschwungene Gebäude für die Kommunistische Partei Frankreichs. Mit 104 starb er, hatte mit 94 nochmals geheiratet.

Der Grund, warum manchmal seine Politiknähe hinterfragt wird: Viele seiner berühmten Gebäude in Brasília standen zwar auch während der Diktatur. Aber gebaut wurden sie vorher, in der demokratischen Ära von Präsident Kubitschek. Die Militärs haben seine markante Architektur einfach weiter genutzt, aber Niemeyer hat sie nicht unterstützt – er war definitiv kein Fan der brasilianischen Militärdiktatur und schon gar kein Faschist.

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Oscar Niemeyer hatte anscheinend eine Jahrhundertbegabung und nutzte eine Jahrhunderchance: Wer kann sich schon bei der Gestaltung wichtiger staatstragender Gebäude mit freier Hand austoben, neue Techniken im Beton- und Glasbau rigoros an ihre Grenzen bringen? Und gleich auch noch deren Möblierung mit radikalen Entwürfen und der eigenen Tochter als Partnerin vorantreiben? Wer kombiniert das mit der Grandezza von Burle Marx (ja, ums Eck verwandt) der die Bauten mit grosszügigen Gärten umgibt, mit Wasser und Dschungel, mit gewundenen Wegen und immerreifen Mangobäumen?

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Três Carros

An sich sind mir Autos relativ wurscht, aber interessant finde ich, dass VW (tlw. mit Partnern) sich den Spass leistete in Brasilien aus der europäischen Produktlinie auszubrechen:

Diese drei Brasilien-Klassiker könnten unterschiedlicher kaum sein: Der VW Saveiro ist immer noch der treue Lastesel des Landes – kein Glamour, aber immer bereit, noch eine Palette Ziegel aufzupacken. Der VW SP2 dagegen ist der schöne, aber etwas untrainierte Sportwagen-Cousin. Er sieht nach „Rio/Beach“ aus, fährt aber eher wie ein „gemütlicher Sonntagsbrunch“.

Und der Puma GT 1600? Der kleine freche Exot, der so tut, als wäre er ein Mini-Porsche – leicht, laut und immer ein bisschen drüber. Zusammen ergeben sie ein wunderbar schräges Trio brasilianischer Auto-Kultur: praktisch, hübsch und herrlich eigenwillig.

Carioca!

Der Carioca-Lifestyle bezieht sich auf die besondere Lebensart der Menschen in Rio de Janeiro. Er ist fast zu einem kulturellen Symbol geworden, das weit über die Stadt hinaus bekannt ist.

Und darum geht es:

LEBENSFREUDE UND LEICHTIGKEIT Cariocas gelten als optimistisch, humorvoll und spontan. Sie genießen das Leben, selbst im Alltag. Das Motto lautet oft: „Leveza“ – also Leichtigkeit. Probleme werden nicht verdrängt, aber mit einer positiven Haltung betrachtet.

NÄHE ZUR NATUR Das Leben in Rio ist stark vom Meer, den Bergen und dem tropischen Klima geprägt. Strände wie Copacabana oder Ipanema sind nicht nur Orte zum Sonnenbaden, sondern echte soziale Treffpunkte. Viele Cariocas verbringen dort täglich Zeit – beim Schwimmen, Surfen, Beachvolleyball oder einfach beim Reden und Musik hören.

KÖRPERBEWUSSTSEIN UND STIL Körperpflege, Mode und Auftreten haben eine große Bedeutung. Der Carioca-Stil ist meist lässig, leicht und sinnlich, oft in bunter Kleidung, mit offenen Schuhen und natürlichen Stoffen.

Der Soundtrack dafür ist eindeutig „The Girl from Ipanema“. Dieses weltweit bekannte Lied, musikalisches Abbild brasilianischen Lebensgefühls, entstand entstand Anfang der 1960er-Jahre in Rio de Janeiro, mitten in der goldenen Ära der Bossa Nova. Die Komponisten Antônio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes saßen oft im Café Veloso im Stadtteil Ipanema, einem beliebten Treffpunkt für Künstler und Musiker. Eines Tages fiel ihnen ein junges Mädchen auf, das regelmäßig am Café vorbeiging – groß, sonnengebräunt, mit einem eleganten, natürlichen Gang.

Dieses Mädchen hieß Heloísa „Helô“ Pinheiro. Sie war damals 17 Jahre jung und auf dem Weg zum Strand, ohne zu ahnen, dass sie zur Muse eines Welthits werden würde. Jobim und de Moraes waren so fasziniert von ihrer Ausstrahlung, dass sie ein Lied über sie schrieben – eine Hymne an die jugendliche Schönheit, Leichtigkeit und Sehnsucht nach dem flüchtigen Moment. 1964 wurde „Garota de Ipanema“ in der englischen Version „The Girl from Ipanema“ von Astrud Gilberto und Stan Getz weltberühmt und gewann einen Grammy.

Das Lied steht bis heute für den Sound und das Lebensgefühl des brasilianischen Sommers – ein Stück Melancholie, verpackt in weichen Rhythmen und sanften Melodien. Und Helô Pinheiro? Sie blieb für immer das „Mädchen aus Ipanema“, inzwischen über 80 Jahre alt.

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Ach, Rio, Du wunderbare Melange aus Reichtum, Armut, Palmen und Sandstrand! Surfer und Bodybuilder, flanierende oder joggende Pensionisten, Statuen von Musikern, Surfer in Warteposition auf die grossen Wellen. Eine Mischung die weich und fliessend ist wie der Samba, entspannt und gleichzeitig aufregend in der Mischung: Die gefährliche Favela am Ende des Strandes, die Empfehlung nach 22h nur in gut besuchten Gassen zu gehen, Touristenströme neben verkommenen Gassen mit Suchtkranken.

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Brasilia hat neben der technischen Perfektion einer struktutierten Stadt von fast drei Millionen Einwohnern viele Orte die den Kleinigkeiten menschlichen Lebens entgegenkommen. Da gibt es den Amusementpark à la Prater, den Markt voller Handwerksstände und Holzmöbel die zum Verkauf in der Wiese daneben stehen – und in der Mitte ein Pavillon mit dem samstäglichen „Café Samba“ das eigentlich eine Party ist – mit Bier statt Kaffee schon vormittags. Und immer wieder das von Burle Marx in den 60ern inszenierte Stadtgrün!

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Eskapismus bis Exil…

Der leichte, fließende Sound, der das brasilianische Lebensgefühl der 1960er- und 1970er-Jahre prägte, war auch eine Art kulturelle Strategie, um in einer schwierigen politischen Zeit nicht unterzugehen. Nach dem Militärputsch von 1964 herrschte in Brasilien eine Diktatur die Oppositionelle verfolgte und die Meinungsfreiheit stark einschränkte. Viele Musiker und Künstler mussten sich entscheiden, ob sie offen kritisch sein oder ihre Gefühle subtiler ausdrücken wollten.

Der Bossa Nova – weich, elegant, unaufdringlich – bot dabei eine Art Flucht in Schönheit und Ästhetik. Seine zurückhaltende Art zu singen, die leichten Harmonien und die poetischen Texte wirkten wie ein Gegenentwurf zur Härte der politischen Realität. Der „sanfte Ton“ war kein Zufall, sondern eine Taktik des Überlebens: Man konnte melancholisch, ironisch oder träumerisch sein, ohne direkt anzuecken.

Gleichzeitig entstand eine zweite Musikerszene – mit Künstlern wie Chico Buarque oder Caetano Veloso –, die versuchten, zwischen Poesie und versteckter Kritik zu balancieren. So wurde die Musik jener Jahre ein Ventil für Sehnsucht, Schmerz und Hoffnung – und ihre Leichtigkeit war oft nur die Oberfläche einer tieferen Melancholie.

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Carmen und Nana

Als ich mir auf den Stufen der kleinen neugotischen Kirche Nossa Seniora da Pas den Sand vom Spaziergang am Strand von Ipanema von den Füssen wische, spricht mich Carmen da Silva an. Eine kleine rundliche Dame mit 82 Jahren, die gleich erzählt dass ihre Tochter gerade in Wien war, von Schönbrunn begeistert.

Dann beginnt aber sofort ihre Biographie, die ein Leben in Amerika und England, drei Kinder und eine Trennung vom untreuen Ehemann in den Achtzigern kurz zusammenfasst. Ihre eigentliche Geschichte beginnt damit, dass sie als Kind mit vier Jahren zu lesen und schreiben begann, Französisch lernte und Ihrem Vater, „der alles hatte“, als Geschenk in dieser Sprache einen „Roman“ über das Leben in England schrieb. Ein hochsensibles Kind, das schon vor Tagesanbruch am Schreiben war und deswegen später zur Ausbildung an eine Journalistenschule in Paris geschickt wurde. Dann das Leben als Ehefrau und Mutter – und mit dem Schreiben war es vorbei.

Auch das nur eine Überleitung zum eigentlichen Thema: ihre hellseherischen Fähigkeiten, eine frühe Jesus-Erfahrung die sie mit grenzenloser Liebe erfüllte, Visionen von Attentaten und dem erahnten Brustkrebs der Haushälterin die sich als wahr herausstellten.

Einige Jahre in England lebend hatte sie mehrmals das klare Gefühl an den exakten Orten ihres frühkindlichen Romanes zu sein – aber an Wiedergeburt glaubt sie nicht, sehr wohl aber sehr liebevoll an Jesus.

Und dann kam der Punkt an dem sich unsere Wege trafen und der Kosmos tatsächlich in Ihrem Sinne wunderlich agierte: Von den Dutzenden berühmten Sängern Brasiliens die Bossa Nova in die Welt trugen, gibt es natürlich auch welche in der zweiten Reihe von denen man in Europa nie gehört hat. Eine ist Nana, die Tochter von Dorival Caymmi, einem der prägenden frühen Vertreter dieses Genres. Als ich das Gespräch zur Ablenkung auf die lokale Musik bringe, ist dies der Name den sie mit großer Begeisterung als ihren Liebling nennt. Ich erzähle ihr von meinem eigenen Fund dieses musikalischen Juwels vom Vorabend und wir beide haben Gänsehaut als wir uns dabei erstaunt die Hände reichen.

Ich bin ja ein grosser Verfechter der Theorie „Dont grow up, its a trap!“. Wenn ich an den letzten Tagen, beim zweiten Einstieg in Rio Zugang zu den Subkulturen der Blasmusikcombos bekomme, so ergänzt das ganz wunderbar die lackierten Bilder der Postkarten von Copacabana und Ipanema in meinem Kopf. Hier wird professionell bis fast erbärmlich schlecht mit Begeisterung musiziert: Posaunistinnen im glitzernden Badeanzug, Pauken&Trompeten in Freestyle-Kostümen, ein Publikum das den Kostümreigen begeistert ergänzt.

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Ich bin ja ein grosser Verfechter der Theorie „Dont grow up, its a trap!“. Wenn ich an den letzten Tagen, beim zweiten Einstieg in Rio Zugang zu den Subkulturen der Blasmusikcombos bekomme, so ergänzt das ganz wunderbar die lackierten Bilder der Postkarten von Copacabana und Ipanema in meinem Kopf. Hier wird professionell bis fast erbärmlich schlecht mit Begeisterung musiziert: Posaunistinnen im glitzernden Badeanzug, Pauken&Trompeten in Freestyle-Kostümen, ein Publikum das den Kostümreigen begeistert ergänzt.

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Ganz schön korrigiert…

An dem Strandbereich von Ipanema an dem fast 50 Männer und Frauen mit perfekten Körperformen zu treibenden Beats eindeutig sehr schwere Kettlebells rhythmisch schwingen joggt eine Dreiergruppe von Frauen an mir vorbei. Alle in den Vierzigern, alle in verschwitzten Sportoutfits. Eine sticht hervor, eigentlich sticht etwas an ihr hervor: ihre Nase ist nicht von Gott gemacht, eindeutig ist sie postnatal geformt und eindeutig zu gross geraten, wie aufmontiert.

Brasilien gilt als das Land der Schönheits-OPs – und das nicht ohne Grund. Kaum irgendwo sonst auf der Welt lassen sich so viele Menschen freiwillig unters Messer legen, um an ihrem Aussehen zu feilen. Die beliebtesten Eingriffe sind dabei recht klassisch: Ganz vorne liegt die Fettabsaugung. Brasilianerinnen (und auch Männer) lassen sich damit Hüften, Bauch oder Oberschenkel formen, um die berühmte „brasilianische Silhouette“ zu betonen.

Fast genauso beliebt ist die Brustvergrößerung mit Implantaten – das gehört in Brasilien fast schon zum Schönheits-Standard, vor allem in den Küstenregionen, wo Bademode eine große Rolle spielt. Auch Bauchstraffungen sind sehr gefragt. Viele kombinieren diese sogar direkt mit einer Fettabsaugung, um ein besonders glattes und straffes Ergebnis zu bekommen. Dann kommen noch Lid-Operationen, also Eingriffe an den Augenlidern, die erstaunlich häufig gemacht werden – mehr als in fast jedem anderen Land. Und natürlich darf der berühmte „Brazilian Butt Lift“ nicht fehlen, bei dem Eigenfett in den Po injiziert wird, um die Rundungen stärker zu betonen. Nasen-OPs und kleinere Eingriffe im Gesicht sind ebenfalls weit verbreitet. Warum das so ist? Schönheit hat in Brasilien einfach einen enorm hohen Stellenwert.

Der Körper wird dort als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Lebensfreude gesehen – und wer kann, investiert gern in sein Aussehen. Dazu kommt, dass es im Land extrem viele gut ausgebildete plastische Chirurgen gibt, die teilweise zu echten Stars geworden sind. Die Eingriffe sind im Vergleich zu Europa oder den USA oft günstiger, und die Menschen gehen sehr offen mit dem Thema um – es ist also kein Tabu, sondern fast schon alltäglich.

Der Rest, vor allem anscheinend weniger Privilegierte, trägt oft erstaunlich voluminös die Konsequenzen einer Ernährung, die vor allem aus billig Frittiertem besteht.

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Ganz schön korrigiert…

Rio de Janeiro hat eine lange Geschichte mit großen Klima- und Umweltkonferenzen und ist aktuell Gastgeber wichtiger Pre-COP30-Veranstaltungen im November 2025.

In der Vergangenheit war die Stadt Schauplatz der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED), besser bekannt als der Erdgipfel von 1992. Dieses wegweisende Ereignis brachte Staats- und Regierungschefs aus über 170 Ländern zusammen, um globale Umweltfragen zu behandeln. Zu den Schlüsselergebnissen gehörte die Rio-Erklärung, die Agenda 21, ein umfassender Aktionsplan für nachhaltige Entwicklung. Zwar findet die Hauptkonferenz COP30 Ende November 2025 im nördlichen Belém statt, doch Rio de Janeiro ist unmittelbar davor, vom 3. bis 5. November Gastgeber mehrerer strategischer Vorbereitungsveranstaltungen.

Die Entscheidung, die Klimakonferenz COP30 in Belém im Amazonasgebiet auszurichten, gilt als symbolisch, aber problematisch. Die Stadt hat nur begrenzte Infrastruktur: Es fehlen Tausende Hotelbetten, die Verkehrswege sind schwach ausgebaut, und der Flughafen ist zu klein für den erwarteten internationalen Andrang. Um rechtzeitig Kapazitäten zu schaffen, wurden neue Straßen und Bauprojekte geplant – teils in ökologisch sensiblen Gebieten. Also genau jenen Problemen, die die Konferenz eigentlich bekämpfen soll. Ein Spannungsfeld zwischen Klimaschutzsymbolik und realen ökologischen Risiken. Die Berliner Beratungsfirma IKEM soll ihre Expertise einbringen um ambitionierte Klimaschutz-Rahmenbedingungen mitzugestalten:

Förderung eines gerechten Übergangs („Just Transition“), also dafür sorgen, dass die Energiewende sozial nachhaltig und inklusiv abläuft. Schutz und nachhaltige Bewirtschaftung von Böden und Landnutzung als zentrale Säulen für Klima anpassung und Klima minderung.

Auf dem Flug von Madrid nach Rio sitzt in der Reihe vor mir einer der IKEM-Chefs und arbeitet während der 11h durchgehend an Recherchen und Vorbereitungen auf seinem Laptop.

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Bossa Nova für Anfänger

Dieser Stil ist nicht nur Musik, er ist fast eine eigene kleine Philosophie: ein paar portugiesische Wörter müssen ständig auftauchen, jedes davon trägt ein ganz eigenes Gefühl…

SAUDADE Das berühmteste Wort überhaupt. Es gibt keine direkte Übersetzung, aber man könnte sagen: eine süße Sehnsucht. Es ist das Gefühl, wenn du jemanden oder etwas vermisst, aber mit einem warmen, melancholischen Lächeln – weil die Erinnerung schön ist. Bossa-nova-Sänger*innen wie João Gilberto oder Tom Jobim haben diese Stimmung perfektioniert: ruhig, nachdenklich, ein bisschen traurig, aber nie wirklich verzweifelt.

AMOR Klar, Liebe – aber im brasilianischen Kontext oft viel weicher und poetischer. Es geht weniger um Leidenschaft im dramatischen Sinn, sondern eher um das Gefühl, das Leben leicht und schön zu nehmen, mit jemandem oder einfach mit der Welt selbst.

MAR / PRAIA Das Meer und der Strand sind fast Charaktere in der Bossa Nova. Sie stehen für Freiheit, Ruhe, aber auch für Vergänglichkeit. Die Wellen kommen und gehen, so wie die Liebe oder die Zeit. SOL Die Sonne ist das Symbol für Leichtigkeit, Lebenslust und das einfache Glück des Augenblicks. Viele Songs feiern die Sonne als Quelle der Inspiration und Harmonie – fast schon wie eine spirituelle Figur.

NOITE Die Nacht ist in der Bossa Nova eher sanft als düster. Sie ist die Zeit, in der man träumt, reflektiert oder liebt. Eine ruhige Nacht am Meer – das ist pure Bossa-Stimmung.

TRISTEZA / ALEGRIA Zwei Gegensätze, die ständig nebeneinanderstehen: Traurigkeit und Freude. In der Bossa Nova sind sie keine Feinde – sie tanzen miteinander. Es ist diese Balance, die den Stil so menschlich macht: Du kannst traurig und trotzdem friedlich sein.

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…schauen wir uns ein paar Zeilen aus „Garota de Ipanema“ an, wahrscheinlich dem bekanntesten Bossa-Nova-Song überhaupt. Der Text ist von Vinícius de Moraes, die Musik von Antônio Carlos Jobim, und das Lied ist praktisch die Quintessenz des ganzen Gefühlskosmos, über den wir gerade gesprochen haben. „Das Mädchen aus Ipanema“ ist wie ein Postkarten-Gedicht: Sonne, Meer, Schönheit, Sehnsucht – alles da, aber nichts übertrieben. Es ist dieses süße Gleichgewicht zwischen Tristeza und Alegria, das den Song so zeitlos macht. Olha que coisa mais linda, mais cheia de graça, É ela, menina, que vem e que passa, Num doce balanço, a caminho do mar… „Schau, was für ein schönes Mädchen, voller Anmut, da kommt sie, das Mädchen, das vorbeigeht, mit einem süßen Schwung – auf dem Weg zum Meer…“ Hier steckt toda a alma do Bossa Nova drin – diese Mischung aus Bewunderung, Melancholie und Leichtigkeit. Das Meer („mar“) ist da, die Bewegung („balanço“) ist wie Musik selbst, und das Mädchen ist ein Sinnbild für das, was man liebt, aber nie ganz besitzen kann. Ah, por que estou tão sozinho? Ah, por que tudo é tão triste? Ah, a beleza que existe… „Ah, warum bin ich so allein? Ah, warum ist alles so traurig? Ah, diese Schönheit, die existiert…“ Hier kommt die „Saudade“ ins Spiel – die typische brasilianische Melancholie. Man bewundert die Schönheit, aber sie ist unerreichbar. Es ist traurig, ja, aber auf eine sanfte, fast dankbare Weise. E o seu balançado é mais que um poema, É a coisa mais linda que eu já vi passar… „Und ihr Schwung ist mehr als ein Gedicht, es ist das Schönste, was ich je vorbeigehen sah.“ Diese Zeilen sind pure Bossa. Das Leben ist ein kurzer Augenblick von Schönheit, der vorbeigeht. Kein Drama, nur ein Seufzer, ein bisschen Saudade.

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Das Museu Nacional da Cultura Afro-Brsileira ist kein Museum sondern eher eine Galerie die spezialisiert moderne Kunst im Überschneidungsbereich afrikanischer Geschichte und brasilianischre Realität ausstellt. Bei einigen Objekten ist unklar ob es sich um etwas aus dem lokalen Candomblé-Kontext handelt oder um ein historisches Original aus den Sklaverei-Ursprungsländern, Oder um ein Kunstwerk abseits beider Ansätze. Zwei Strassen hügelabwärts wird abends Crack gedealt, zwei Strassen links vom Museum lassen sich Touristen von der Buntheit barocker Kirchen beeindrucken – und vermeiden die blutigen Geschichten dahinter.

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2 Cousins, 2 Schicksale, 2 Welten

Eines Tages im 18. Jahrhundert wurden an der Westküste Afrikas zwei Cousins in ihrer Heimatgemeinde gefangen genommen, zum Hafen des ghanischen Elmina gebracht, zum sogenannten Tor ohne Wiederkehr. Dort wurden die Cousins getrennt:

Der eine wurde auf ein Schiff nach SALVADOR DE BAHIA verbracht, der andere nach CHARLESTON in den Vereinigten Staaten verschifft – zwei der größten Sklavenhandelshäfen der Welt. Beide nackt und ihrer kulturellen Artefakte beraubt, zusammen mit vielen anderen Afrikanern aus verschiedenen Nationen, mit verschiedenen Sprachen.

Fast 10 Millionen Menschen durchliefen dieses System der Ausbeutung und Unterdrückung über mehr als 200 Jahre hinweg, die größte Konzentration von Reichtum zwangsweise unterstützend, die die Welt je gesehen hatte.

4 Millionen landeten in Südamerika, weitere 3-4 Millionen im karibischen Raum – und ‚nur‘ eine halbe Million in Nordamerika. Der Rest wurde im arabischen und asiatischen Raum versklavt. 1822 erklärte Brasilien seine Unabhängigkeit von Portugal, wurde 1824 von den Vereinigten Staaten als unabhängige Nation anerkannt.

Sklaverei wurde trotzdem hier erst 1888 verboten, erst 23 Jahre nach den USA. Musik war schon immer das wichtigste Berührungsfeld zwischen verschiedenen afrikanischen Völkern, und ermöglichte die Verbindung trotz sprachlicher Barrieren. Musik, mit ihrer universellen Sprache, hat die Musikalität beider Länder tiefgreifend durchdrungen und mit ihrer Kraft geprägt:

Samba in Brasilien und Blues in den USA als Ausdruck von Leid und Freude. Nur weil ein Schiff nach Norden und ein anderes nach Süden segelte und 200 Jahre vergangen sind, konnte die Kraft einer uralten Flamme, die im Blut der Entwurzelten floß nicht erlöschen.

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Freikaufen…

„Kreolische Schmuckstücke“ stellen eine Form rituellen Schmucks dar, der oft als Instrument der soziokulturellen Emanzipation verwendet wurde. Innerhalb der Irmandade da Boa Morte (Bruderschaft des Guten Todes) symbolisieren sie die Hierarchie und Hingabe der Mitglieder, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Während der Sklaverei dienten diese Schmuckstücke als Währung und als finanzielle Reserve für den Kauf der Freiheit für Frauen. Man konnte sein gesamtes Erspartes aufwenden, um ein kreolisches Schmuckstück zu erwerben um es dann gegen die Freiheit einztauschen. Etwas, das in der Regel erst im höheren Alter möglich war.

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Momente…6

Dienstag ist die „Bar do Neuzão“ unterhalb des Museums für den Staatsdichter Jorge Amado, in der Gasse gegenüber dem Benin House das afrobrasilianische Kunst verbindend ausstellt, voller Poesie und freier Improvisation. An diesem Abend sind wöchentlich die Gassen darüber voll mit den trommelnden Gruppen aus Frauen oder Männern deren Rhythmus die Altstadt von Palaurinho zum Beben bringt. Andere Schwingungen dann in diesem Ecklokal, hier halten die Poeten und Jazzer „Encruzilhadas Culturais“ Hof. Da sagt dann Jocelia Fonseca: „Meine Waffe ist das Wort, mein Schild ist die Poesie. Ich schieße nicht, um zu töten, ich ziele, um aufzurütteln.“ Oder Luz Ribeiro zitiert: „Ich wurde nicht geboren, um in Schweigen zu passen, ich bin Trommel, ich bin Donner, das Echo derer, die vor mir kamen.“ Dazu spielt eine wechselnde Gruppe von Freunden jazzig Improvisiertes, immer mit einem Schuss Samba. An meinen beiden Dienstagen dort fällt ein Musiker auf, der die Berimbao im Stil des Capoeira schlägt – und dazu Hindi-Mantras singt, zum Beispiel für Sarasvati, die Göttin des Wissens, der Musik, der Kunst, der Weisheit und des Lernens. Extremer geht Crossover wohl nicht. Deswegen heissen die Abende wohl auch „kulturelle Kreuzungen“.

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Brasília

Diese Stadt ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine völlig neue Stadt demokratisch beschlossen und von Grund auf neu geschaffen wurde. Die Idee, die Hauptstadt Brasiliens ins Landesinnere zu verlegen, reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Sie entstand aus dem Wunsch, das überforderte Rio de Janeiro zu entlasten, die wirtschaftliche Entwicklung des Hinterlandes zu fördern und dem Land eine neue, moderne Identität zu geben. Jahrzehntelang wurde dieser Gedanke in politischen Debatten, Kommissionen und Studien weiterentwickelt, bis in den 1950er Jahren der entscheidende Schritt erfolgte.

Der demokratisch gewählte Präsident Juscelino Kubitschek trat 1956 mit dem Versprechen an, Brasilien in kurzer Zeit tiefgreifend zu modernisieren. Ein zentrales Element seines Wahlprogramms war der Bau einer neuen Hauptstadt. Nach seinem Amtsantritt wurde das Vorhaben politisch bestätigt, im Parlament diskutiert und auf gesetzlicher Grundlage verankert. Damit war der Bau der neuen Stadt demokratisch legitimiert und als nationale Aufgabe festgeschrieben. Für die Umsetzung wurde ein großer städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, den Lúcio Costa gewann.

Sein „Plano Piloto“ war ein visionärer Entwurf für eine komplett geplante Stadt, in der Verkehrswege, Wohnzonen, Regierungsquartiere und Grünflächen harmonisch aufeinander abgestimmt sein sollten. Parallel dazu entwarf Oscar Niemeyer die markanten öffentlichen Gebäude, die Brasília später weltweit bekannt machten.

Die gesamte Stadt existierte zunächst nur auf Plänen, doch sie war bereits in ihrer Funktionsweise und Struktur vollständig durchdacht.

Der Bau begann auf einer nahezu unbesiedelten Hochebene im Landesinneren, wo zunächst keinerlei Infrastruktur vorhanden war. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit entstanden Straßen, Wasserversorgung, Stromleitungen, Wohnviertel und ein moderner Regierungssitz. Tausende Arbeiter aus allen Teilen des Landes kamen zusammen, um das Projekt zu realisieren. In nur etwas mehr als drei Jahren wuchs aus dem Nichts eine funktionierende Hauptstadt.

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1960 wurde Brasília offiziell eingeweiht. Diese Stadt war nicht organisch gewachsen, sondern bewusst entworfen, politisch beschlossen und konsequent umgesetzt worden. Sie steht bis heute für die Idee, dass eine Gesellschaft aus demokratischer Überzeugung heraus die Vision einer neuen, zukunftsgerichteten Stadt realisieren kann. Auroville in Südindien hingegen hat einen völlig anderen Ursprung.

Die Stadt wurde in den späten 1960er Jahren auf Initiative von Mirra Alfassa („The Mother“) gegründet, inspiriert von den Ideen des Gurus und Philosophen Sri Aurobindo. Ihr Ziel war nicht Modernisierung im staatlichen Sinne, sondern ein utopisches Experiment: eine internationale Stadt, die keiner Nation gehört, in der Menschen aus aller Welt friedlich zusammenleben und spirituelle Entwicklung, ökologisches Bewusstsein und gemeinschaftliches Leben im Mittelpunkt stehen.

Die Planung war bewusst weniger hierarchisch, weniger monumental und stärker organisch. Auroville wächst weiterhin, langsam, durch Gemeinschaftsentscheidungen, ökologische Konzepte und kreativem Eigenbau. Anstelle eines politischen Mandats steht ein geistiges, idealistisches Prinzip das von den Bewohnern gelebt wird. Mit allen baulichen Freiheiten des Individuums, Lehmbauten inklusive.

Auch die räumliche Struktur unterscheidet die beiden Orte deutlich. Brasília folgt einem strengen, rationalen Plan mit klaren Achsen, funktionalen Sektoren und Zonen, die dem industriellen Zeitalter entsprachen – ein Modell, das später auch Kritik auf sich zog, weil es Distanz, Autoverkehr und große Distanzen fördert. Auroville dagegen orientiert sich an einem mandalaähnlichen, kreisförmigen Aufbau, mit Grünzonen und gemeinschaftlichen Treffpunkten, ist in der Entwicklung offener, weniger abgeschlossen und stärker mit der Natur verwoben.

Auroville lebt von freiwilliger Beteiligung, gemeinschaftlichen Projekten und kultureller Vielfalt, versteht sich nicht als Hauptstadt eines Landes, sondern als Versuch, eine neue Form des Zusammenlebens darzustellen. Ein Projekt der gelebten spirituellen und sozialen Utopie.

Auroville als experimentelle Gemeinschaft jenseits nationaler Grenzen, Brasília als rationales Symbol einer Nation.

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Die Villa

Santa Teresa, so heißt der kleine Stadtteil der sich eigentlich auf einen der Hügel Rios bezieht. Hier oben ist es eine Spur kühler, was viele der neu– und altreichen Familien dazu bewog hier herauf zu ziehen und Villen zu bauen. Als in den Vierzigern dann das Strandleben an der Copacabana und Ipanema cool wurde, zog man hinunter in die neuen Wohnviertel. „Ipanema“ stammt aus der Tupi-Indianer-Sprache und bedeutet je nach Interpretation eigentlich „aufgewühltes Wasser“, „stinkender See“ oder „wertloses Wasser“. Die Surfer sehen das anders. Auch war diese Gegend erst kürzlich durch einen Tunnel leichter erreichbar und mit dem Zentrum verbunden worden, moderne Glas&Betonästhetik. Dementsprechend konnte man die leer stehenden Villen leicht mieten – was Künstler und Hippies sofort taten, aber auch vor kurzem die Vermieterin meines AirBnb. Vier Zimmer scheinen genug abzuwerfen, sogar Personal kann damit bezahlt werden. So auch Marta, eine Polin, Mitte 30, ausgebildete klassische Querflötistin, die sich mit Aufräumdiensten wiederum eine Ausbildung zur Sambatänzerin – und die dazugehörigen Träume – leistet. Meine Neugier erkennend gibt sie mir wertvolle Tipps zu öffentlichen Proben von Sambaschulen, zur Woche der Konzerte der typischen, schräg kostümierten Blaskapellen, auf öffentlichen Plätzen. Eine Tür geht auf und ich darf eine weitere Essenz von Rio sehen und hören. Ein wunderbarer Kontrast nach dem Idyll des Wellenklangs von Copacabana und Ipanema der ersten Tage!

Mooove smoooooth!

Baile Charme entstand in den 1980ern in Rio de Janeiro, wo DJs US-Funk und R&B mit brasilianischem Flair mixten. Aus diesen nächtlichen Blockpartys wurde ein eigener Tanzstil: smooth, rhythmisch, lässig.

Die Bewegungen sind weich, oft synchron in der Gruppe, mit viel Hüftarbeit, kleinen Slides und coolen Handgesten. Der Vibe ist urban, gemeinschaftlich und absolut good-vibes-only. Baile Charme feiert Eleganz ohne Anstrengung – man tanzt nicht, um zu beeindrucken, sondern um sich treiben zu lassen. Ein Stil, der Musik, Körper und Gemeinschaft auf wunderbar leichte Art verbindet. Einer der schönsten Abende ever, in einer der Gassen hinter dem Viadukt von Lapa…

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Santa Teresa war die Villengegend von Rio: die Aussicht wunderbar, der Reichtum aus Kautschuk und Zuckerrohr in Ziegel gegossen. Bis dann in der Mitte des 20. Jhdts die Strände und Bauten aus Beton und Glas mehr Prestige vereinten als der alte Stuck. Auf jeden Fall ein sicherer Stadtteil, gentrifiziert und hip, die kitschige gelbe Touristenstrassenbahn laut ums runde Eck biegend. Ein Juwel die Villa von Roxane, inklusive Bett, wunderbarem Wohnzimmer, der halbschlampigen Küche, der atemberaubenden Aussicht.

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Die Sambaschulen von Rio sind feste Vereine, die in einem Ligensystem organisiert sind. Jedes Jahr nehmen die Schulen automatisch in ihrer jeweiligen Liga teil – von den unteren Gruppen bis zum prestigeträchtigen Grupo Especial, durch gute Bewertungen der Jury „sportlich“ nach oben befördert. Alle offiziellen Sambaschulen haben Kostüme und Wagen – nur die obersten 25–30 können sich wirklich große, professionell gebaute Prunkproduktionen um Millionen leisten – andere improvisieren oder recyclen.

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…NACHLESE:

Das 2. Artivist Statement

von Adebayo Akomolafe, Dichter, Philosoph, Psychologe, Professor.

Voller Leidenschaft für das Absurde. „Was wäre, wenn sich unser Sinn für das Heilige veränderte? Wie würde das unsere Orientierung in der Welt beeinflussen? Was würde mit Politik und Wirtschaft geschehen, wenn Bäume bei Landschaftsveränderungen befragt würden; wenn Berge verehrt und als Wesen anerkannt würden, die tiefer reichen als Touristenattraktionen; und wenn wir uns als Teil eines spektakuläreren Ganzen begreifen würden?

Ich weiß es nicht, aber ich vermute, dass uns am Ende unserer humanistisch-modernen Projekte ein erschütterndes Erwachen erwartet – denn wahrscheinlich ist es so, dass wir, sobald wir nicht mehr so sehr damit beschäftigt sind, nur Mensch zu sein, es umso mehr werden. Was wäre, wenn unser Nichtwissen unser größtes Kapital wäre? Was wäre, wenn wir das Unbekannte, das Undenkbare, jenseits von Daten, als Ressource – statt als Hindernis – betrachten könnten? Dies sind die Tage der widersprüchlichen Dinge. Dies sind die Zeiten, in denen wir das Gegenteil, das Paradoxe, das Ferne, das Unmögliche und das Kontraintuitive suchen müssen.

Um helleres Licht zu finden, müssen wir uns in die dunkelsten Höhlen begeben; um uns selbst zu verstehen, müssen wir uns dem Fremden zuwenden; um den Ausweg aus unseren Problemen zu finden, müssen wir sie mit tieferer Ehrfurcht annehmen. Um zu gedeihen, zu leben, müssen wir an die Orte gelangen, wo Leben und Tod keine Gegensätze, sondern Verbündete sind.“

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Das ewige Dorf

von Coumba Touré, Artivistin, Frauenrechtlerin, Coach, Verlegerin, Geschichtenerzählerin.

„Es war einmal ein Dorf irgendwo zwischen roten Erden, Akazien und weiten Feldern. Die Menschen dort kannten Armut und Reichtum, Regen und Dürre, Glück und Kummer – wie alle anderen auch. Doch etwas war in diesem Dorf seltsam: Seit Jahren war niemand mehr gestorben. Am Anfang merkten es die Leute gar nicht. Ein alter Mann, der lange krank gewesen war, wachte eines Morgens auf und sagte: „Ich dachte, ich wäre gestern gegangen, aber anscheinend bin ich geblieben.“

Eine Frau, die schon oft ins Reich der Ahnen geblickt hatte, stellte fest: „Der Tod kommt nicht mehr.“ Bald sprach das ganze Dorf darüber. Manche hatten Angst, andere lachten. Doch am beunruhigendsten war, dass der Tod selbst irritiert war. Eines Abends erschien der Tod am Rand des Dorfes – müde, erschöpft, den Umhang voller Staub.

Er klopfte an die Tür des Dorfältesten. „Ich verstehe es nicht“, sagte der Tod. „Ich komme, wie ich es immer tat, doch niemand folgt mir. Ich glaube, ich versage.“ Der Älteste bot ihm Wasser und Maniok an. „Vielleicht“, sagte er, „liegt das Problem nicht bei dir. Vielleicht liegt es an uns.“ „An euch?“ fragte der Tod erstaunt. „Ja“, sagte der Alte. „Wir kümmern uns umeinander. Wir hören einander zu. Wir teilen, was wir haben. Wir lassen niemanden allein zurück. Vielleicht… hast du keinen Platz hier.“

Der Tod seufzte. „Ich habe meinen Job verloren!“ Der Älteste lächelte: „Nicht verloren. Du bist nur… überflüssig.“ Der Tod dachte darüber nach. Dann stand er auf, bedankte sich höflich und ging – ein wenig erleichtert, ein wenig beleidigt. Seitdem kommt der Tod zwar in viele Dörfer, aber in dieses eine kommt er nie wieder.

Nicht, weil die Menschen unsterblich sind – sondern weil sie einander lebendig halten.“

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VIETNAM

VIETNAM, FAKT & FIKTION 

11 Beobachtungen & 2 Erzählungen

GERALD BENESCH

VOR MEINEN AUGEN/WYSIWYG

Drei mal in den letzten zwei Tagen sah ich ihn schon, diesen viel zu schmalen jungen Mann, seinen, mit Klebebändern an den griffen reparierten, Plastikkorb an mir vorbeitragend, ein Paar blaue Flipflops in der anderen Hand. Heute denke ich mir:

„Der Arme hat immer noch die gleichen, sogar abgewetzten Flipflops, keiner kauft sie ihm ab…“. Plötzlich hat er ein Paar glänzende Lackschuhe in der Hand, als er erneut an mir vorbeigeht. Die Dame im Caphe, zwei Tische weiter trägt, jetzt die Plastikschlüpfer, der Bursche hockt im nächsten Hauseingang – er ist Schuhputzer!

Da fiel mir auch die Story von Nasreddin Hodscha ein, dem mittelalterlichen Stadtkomiker im immer noch eine Zeitreise werten Buchara in Usbekistan. er trieb wöchentlich einen Esel mit einem riesigen Heuballen auf dem Rücken über eine Grenze. Die Zöllner durchsuchen argwöhnisch jedes mal den gigantischen Ballen, finden aber nie etwas. Nach Monaten fragen sie frustriert den Strolch, was er denn für sie Unauffindbares schmuggle? „Esel“, ist seine Antwort.

BLADE RUNNER

Plötzlich, im ‚aha‘-Caphe, das Pianomotiv von Vangelis aus dem Soundtrack zu Blade Runner. Ein guter Moment für einen Vergleich: Hong Kong ist die perfekte Realisierung von Ridley Scotts Klassiker von 1982. ein multipler Kulturclash, ein High-Tech vs. Low-Tech-Monster, eine Bäuerin, die gebratene Frösche vor einem nach Feng-Shui-Prinzipien erbauten Sci-Fi-Wolkenkratzer aus einem Bastkorb verkauft. Hanoi wiederum hat bei 7 Millionen Einwohnern mit 5 Millionen Motorrädern zu kämpfen, so viele, wie es vor 20 Jahren in ganz Vietnam für 95 Millionen Einwohner gab. Dieser Eindruck ist der stärkste, neben den Kinder-Plastiksesseln und -hockern für Erwachsene in den abends auf den Gehsteigen aufpoppenden Garküchen.

Die Story, dass die zwar lokale Beamte und eine vorgebliche Beschützermafia bestechenden Betreiber damit, mit diesen Minimöbeln, bei der Kontrolle durch Bezirksbeamte schneller verschwinden können, will ich nicht so recht glauben. Beide, parkende Motorroller und Garküchen, verbindet, dass sie die Gehsteige im Zentrum fast komplett okkupieren – da möchte man hoffnungsfroh das Versprechen der Stadtverwaltung glauben, Hanoi bis 2030 mopedfrei zu machen. Die Feinstaubwerte sprechen lautstark ebenfalls dafür.

Viel Glück/chuc may man!

1

LET IT SNOW!

Es braucht mehrere Meter breiten Klebebands, um das sperrige, fast mannshohe Objekt am Moped zu fixieren. Zwei mal über die gesamte Höhe unter dem hinteren Kotflügel durch, den Zwischenraum zum Hinterrad nutzend. Die horizontale Achse involviert wieder den Kotflügel und diesmal den Vordersitz. Der bereitstehende Fahrer wird das Klebeband dann draufsitzend straffen. Das geringe Gewicht des Objektes gibt Aussicht auf den Erfolg des Plans, an dessen Durchführung drei Personen beteiligt sind. Unter der schützenden Plastikhülle sind drei verschieden große Styroporkugeln aufeinandermontiert erkennbar.

Auf der mittleren und kleinsten Kugel sind rote, schwarze und grüne kleine Plastikobjekte fixiert, Kohlestücke, Karotte und Tannenzweiglein imitierend. Ha, dieser Shop ist einer von mehreren in der Hang ma, der Straße, die auf der Liste der traditionellen Gewerbe des old Quarter als für den Handel mit Votivpapieren zuständig erwähnt wird. Also für den Verkauf von zu verbrennenden Zetteln mit chinesischen Symbolen darauf oder von übergroß nachgedruckten Dollarscheinen – die Ahnen können so etwas im Jenseits anscheinend gebrauchen.

Im Winter produziert man hier also Schneemänner für Firmen und Wohnzimmer, eine Woche später werden es vor allem golden bedruckte Papiertüten sein, die man sich, mit Essbarem befüllt, zum Jahreswechsel schenkt.

2

CAPHE

70% der Weltproduktion an Robusta-Kaffee kommt aus Vietnam. im Westen bevorzugen wir zwar den als geschmacklich delikater eingeschätzten Arabica, in Löslichkaffees oder Diskontermischungen kommt er aber sehr wohl vor. In Hanoi hat sich eine eigenständige, kreative Kaffeekultur entwickelt. Hier meine aktuellen Favoriten:

Nummer eins ist sicher der Egg-Caphe. Je nach Mythos, auf jeden Fall nach einem der Kriege und Besatzungszustände im Vietnam des 20. Jahrhunderts gab es angeblich einen Engpass an Milch. Mutig und innovativ schäumte ein Caphetier Eigelb mit Kondensmilch und hob das ganze auf einen Espresso. Der Caphe Trung war geboren.

Nummer zwei, Caphe Sua, kommt in meiner bevorzugten Version optisch als doppelter Espresso in einer flachen Tasse daher. Sobald man an der heißen, bitteren Oberfläche nippt, wird die zweite, darunterliegende Ebene von kalter, dicker und süßer Kondensmilch erahnbar. Mit jedem Nippen wird der Geschmack süßer, die beiden Sensationen gehen ineinander über. Ich habs meinem kaffeesüchtigen spirituellen Freund Johnny nach San Antonio gewhatsappt: „You have to work yourself through the darkness, then sweetness comes up and finally sugary enlightenment!“ – also der harte, aber lohnende Weg ins Nirvana. Profaner wird dieser Caphe in der Alltagsversion kalt und mit vielen Eiswürfeln im glas serviert – und erleuchtungsverhindernd schnell umgerührt.

Nummer drei: Coconut Caphe. Damals, dieses Brooklyner Bobolokal, das wie ein 70er-Jahre-Diner aussah (inklusive konsequenter Beschallung mit Fleetwood Mac und Rick Springfield) gab sich erst auf den zweiten Blick als strikt vegan zu erkennen. Hier leidet keine Kuh, es gibt die Wahl zwischen Soja-, Mandel- und Kokosmilch zum Kaffee. Ich liebe Kokosmilch zum Kochen, aber Kaffee war damit nicht trinkbar. Hier in Vietnam nimmt man nur einen kleinen Teil Kokosmilch, für den Duft, gemischt mit gesüßter Kondensmilch und grob gehacktem Eis, für dieses wunderbare, doppelt erfrischende Getränk.

3

DER BAUMALTAR

Als Tourist hat man eher die Tendenz, nur das Schöne sehen und hören zu wollen. Deswegen ist in Österreich Schönbrunn und nicht Wels ein Tourismusmagnet, eher der Eiffelturm als ein Kohlebergwerk. So ein Beispiel fürs Bevorzugen der Idylle war meine dritte reise nach Rajastan in Nordindien: irgendwo hatte ich gelesen, dass in Jaipur im Neumond des Juni Frauen auf Schaukeln schwingend den Frühling begrüßen. Zu schön, um wahr zu sein, eh klar. Vor Ort gab es dann nur Kopfschütteln über diese in mehreren Publikationen brav kopierte Mär.

Und jetzt gibt es neben meinem AirBnB in Hanoi ein Häusereck mit einem großen, dickstammigen, gebeugten Baum. Darauf und darin sind sichtbare Nischen, Altäre, verankert, ausgestattet mit Portraitfotos und Unmengen abgebrannter Räucherstäbchen. Googelt man dann kurz „Baumaltar in Vietnam“ gibt es dazu nichts Konkretes, sondern den Link zum fast emotionalen Eintrag einer Vietnamesin auf Tripadvisor. Darin beschreibt sie den Bezug der Vietnamesen zu ihren Vorfahren, die Erinnerung an diese in Form von Ahnenschreinen in fast jedem Haus und Geschäft – und auf Bäumen – als Erinnerung, als Zeichen der Dankbarkeit für den guten Lebenswandel an die Vorfahren. Denn diesem verdankt man quasi karmisch, dass es einem selbst gut ergeht im aktuellen Leben. Dies beinhaltet aber auch die Verpflichtung an einen selbst ein gutes und wohltätiges Leben zu führen, ebenfalls karmische Vorarbeit für die Enkerl. Mehr hatte die Dame nicht gebraucht – ein kleiner Shitstorm brach in der Kommentarleiste los:

Auslandsvietnamesen machten sich über diese ‚verklärten und realitätsfremden‘ Beschreibungen lustig, das Land habe längst jeden tatsächlichen spirituellen Bezug verloren, Gott Mammon regiere alle gesellschaftlichen Bereiche! Neureiche Angeber mit Bankkrediten auf Motorroller oder Auto, am Smartphone klebende Jugendliche, schlimmer als im Westen.
Das sei die Realität!

Die Tortendiagramme im internet zeigen ein Drittel-Kuchenstück das selbst wiederum in oft 10 Teile zerlegt ist: 5% Buddhisten, 7% Christen und dann einige 1-3%ige Gruppierungen von lokalen, von karmischen Konzepten inspirierter Religionsgründer des 20. Jahrhunderts. Zwei Drittel der Religionstorte wird je nach Quelle als ‚religionslos‘ oder mit ‚Volksreligionen‘ benannt. Das könnten die unscharf einzuordnenden Minialtarbesitzer sein. Sicher ist, dass der lokale Kommunismus hier vieles unterdrückt und zerstört hat, in seiner aktuellen Version es weiterhin tut: Zweimal hörte ich auf meine Nachfragen, dass das Bekenntnis gläubiger Buddhist oder Christ zu sein, höhere Beamtenpositionen verhindert. und dann gestern in Da Nang bei der über AirBnB buchbaren “Stadtrundfahrt mit authentischem Streetfood“, durchgeführt von Studenten auf Motorrädern, sagt der sich vereinfachend John nennende Student der Informatik en passant: “Jesus sprach zu mir bei einer regnerischen Motorradfahrt, mich vor einem Gefahrenmoment warnend“. Er fragte die körperlose Stimme nochmals, um sicherzugehen, dass er es ist. Und bekam eine Antwort. Seither möchte John später Theologie studieren. Vielleicht sogar Missionar werden.

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FUN FACT 1

Mir ist Bier wurscht, wirkt bei mir im Schnitt als veritables Schlafmittel, als Radlermix nach dem Sport eventuell elektrolytisch hilfreich. Aber in Ägypten war in der Hitze schwitzend immer ein Stella Artois regenerierend, in Mali hieß die Option Castel Beer, in Kombination mit dem kolonialen Überbleibsel Baguette, mit extra Salz darauf.

In der minimalen Vorbereitung auf meine Vietnamreise war ich auf den Reisebericht eines ehemaligen Wiener Theaterdirektors gestoßen, der erstaunlich unliterarisch und platt seine Vietnamreise zu Buch gebracht hatte – und auf jeder fünften Seite seinen Bierkonsum erwähnte. Ich tu’s hiermit einmalig auch, vor einem Lokal an einem Straßeneck im alten Hanoi sitzend, gemeinsam mit verwitterten, alten Männern die Touristen begaffend.

Also, das niedrigprozentige Bia Hanoi passt hier einfach bestens zu dünn aufgeschnittenem Schweinsherz oder Zunge mit einem Chili-Zwiebelsalat. und basta!

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SE/E/H/NSUCHT

Pushkar

Da stand er, mitten im See, wie eine Mischung aus der bärtigen Version von Jesus und der fiktiven Yogaposition „einbeiniger Storch“. André Robert war schon einige Monate hier, hatte eine Liaison mit einem jungen, Heroin konsumierenden Tempelpriester und wohnte in einer der vielen ehemaligen Maharadscha-Residenzen die jetzt Hotels sind, an diesem heiligen See. Ob diese persönliche Nahbeziehung oder sein Montrealer Charme der Grund dafür waren, weiß ich nicht, aber ich sah ihn immer wieder bei den täglichen Umzügen der lokalen Priesterschaft mit ihren Prozessionswägen, assistiert von der in weißen Phantasiekostümen gewandeten, Kakophonien schmetternden Dorfkapelle. Dort war André dabei, tanzend, immer zwischen Pujaris und nachfolgender Menge, als respektiertes Maskottchen quasi. ein Sakrileg eigentlich, in diesem strikt in Hierarchien denkenden und funktionierenden Indien.

Der Pulk durchquerte täglich Pushkar vom Brahma-Tempel am Westende des Sees zur gegenüber liegenden Dependance eines südindischen Vishnu-Tempels, erkennbar an dem stelenartigen, weißen, mit über 300 Figuren dekorierten 20 Meter hohen Monolithen im Zentrum der Anlage. Wenn der Wagen das Tor zum jeweiligen Tempel passiert hatte, durfte André als einziger Westler mitgehen.

Und so würde ihm wohl niemand einen Strick daraus drehen, dass er an diesem Vormittag im teilweise sehr seichten, versandeten See einfach hinausgewatet war, um seine hinduistischchristliche Symbioseposition einzunehmen. Brahma, der Pushkar schuf, als er einen Dämon mit einer Lotusblume bekämpfte und ein dabei herabfallender Tropfen zum See wurde, hat sicher altersweise gelächelt.

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Seewaldsee

Der Seewaldsee in St. Koloman südlich von Salzburg ist ein „Himmelsteich“ laut Wikipedia, „er nährt sich nur von Niederschlägen“ – und sicher auch von dem, was umliegende Wiesen durchsickern lassen. Seit seiner Entdeckung bei einem frühen Schulwandertag ist er ein Fixpunkt bei meinen Besuchen meiner Mutter. Am liebsten zu Ostern, wenn oft Schneereste die Auffahrt auf über 1000 Höhenmeter erschweren, wenn die in den saftigen Rändern, in Löchern überwinternden Frösche beginnen, ihre wabbeligen Laichklumpen im See zu deponieren.

Dann zieht es mich geradezu magnetisch hinauf, um eine Stunde auf der flachen Landzunge des Sees zu sitzen. Der Blick auf das Rund der ihn umgebenden Berge ist so erfüllend, dass die kraftspendende Erinnerung ein weiteres Jahr anhält. Ein wahrer Himmelsteich für mich.

Die Tals

Kurz kam der Gedanke auf: „Jetzt bist Du 6000 Kilometer geflogen, um im Salzkammergut zu landen?“. Aber eigentlich fing diese Reise vier Jahre früher an, in Bayern, als ich bei einem Dreitages-Retreat mit einem ehemalig jüdischen New Yorker Hippie dessen Geschichten über seinen Guru aus den 70ern lauschte, immer wieder unterbrochen vom gemeinsamen Singen traditioneller indischer Bhajans. Eine unglaublich beruhigende, damals passende Erfahrung.

Wenn er von seinem 1973 verstorbenen guru sprach, traten Krishna Das oft Tränen in die Augen, das mit dessen, Nem Karoli Babas, immerwährender Präsenz und seiner eigenen unendlichen Liebe zum Guru, seiner Erfülltheit erklärend. Wie leicht wäre das mit Abhängigkeit, mit Sektentum abzutun gewesen, mit Hippieromantik. Osho, Sri Chinmoy, das Hare-Krishna-movement ISKCoN im Westen und viele andere haben da großformatige negative Schubladen hinterlassen. Obwohl – ich liebe die Erklärung von Osho warum er über 90 Rolls Royce besitze: „um meinen Anhängern zu zeigen, dass Neid keine gute Eigenschaft ist!“.

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Und weil die berühmte Geräuscharmut im Inneren des Wagens ihn an den „Frieden des Buddha“ erinnere. Neem Karoli Baba war also für ‚KD‘ die personifizierte Liebe, und diverse Zeitzeugen bestätigen rational nicht erklärbare Momente, in denen Raum und Zeit für ihn nicht existierten. Zum Beispiel als, er Ram Dass – der als Professor Richard Alpert wegen LSD-Experimenten mit Studenten gemeinsam mit Timothy Leary aus Harvard gefeuert worden war – bei seiner Ankunft im Ashram mit in die Begrüßung eingeflochtenen Tatsachen über Ram Dass’ Mutter empfangen wurde, die der Guru einfach nicht wissen konnte.

Ein dicker, fast zahnloser alter Mann, in eine Decke eingewickelt, auf einem geflochtenen Bett sitzend in den Bergen Nordindiens. Solche Stories und der sich öffnende Pantheon hinduistischer Götter ließen mich also 2007 Nainital und Vrindavan googeln, hier befinden sich die beiden Haupttempel dieses schrägen indischen Heiligen. Vrindavan ist Mariazell vergleichbar, beide entsprechen Strömungen der Spätphase einer Religion. Bei uns war die Marienverehrung erst ab dem 16. Jahrhundert ein greifbares Phänomen, eine menschennähere Ergänzung zur göttlichen Trinität des Christentums. Einher ging ein plötzlich zu erfüllender Bedarf an Marias Reliquien und sogar derer ihrer Eltern dem es nachzukommen galt.

Das war aber machbar. Alsbald gab es den Gürtel, der nach der Himmelfahrt Marias auf den Apostel Thomas heruntergefallen war, sogar nachweislich noch mit ein paar Tropfen ihrer Muttermilch benetzt. Das Original befindet sich immer noch in Konstantinopel, 27 Kölner Kirchen besitzen weitere Marienreliquien, sogar Tropfen ihrer Milch auf einem Stein – und ein Segment der Schädelplatte von Jesus‘ Oma, der heiligen Anna.

Krishna, ein mit 16.000 Kuhhüterinnen in einer Nacht Spaß habender hinduistischer Gott wurde ebenfalls im 16. Jahrhundert im Norden Indiens populär, wer kann schon der Abbildung eines pummeligen, Butter stibitzenden Kleinkindes widerstehen? Sein Geburtsort Vrindavan südlich von Delhi widmet sich 365 Tage im Jahr Krishnas Verehrung, in vielen Tempeln wird von Musikern in Schichten tatsächlich rund um die Uhr das im Westen vorbelastete Hare Krishna Maha Mantra gesungen. Ich war vorher schon drei mal hier im Norden Indiens, in Rajastan gewesen und wollte diesmal raus aus der Hitze der Tiefebene hoch hinauf in die kühlen Vorgebirge des Himalaya, in die Hill Stations, wie schon die britischen Kolonialherren.

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Diesmal zum zweiten Ashram von Neem Karoli Baba, nach Nainital. Natürlich war mir klar, dass ich keinen Kontakt zu einem seit 30 Jahren toten – aber vielleicht doch noch omnipräsenten – Guru herstellen können würde. Viel leichter war dafür die Kontaktaufnahme mit einem Videokünstler aus Delhi, der meist hier in den Bergen wohnte und dessen Emailadresse plötzlich beim googlen der traditionellen Hill Stations aufgetaucht war. Tatsächlich brachte er mich nach meiner zehnstündigen Busfahrt in einem alten kolonialen Gebäudekomplex unter, oben auf einem Bergrücken zwischen den „Salzkammergutseen“ Purnatal, Ram-, Sita-, Laxman-, Nat-, Demianti-, Sukt- und Garudatal. In einigen konnte man Tretboote in Schwanenform mieten, was Wochenend-Urlaubende und in den Hotels im ganzen Ort hörbar laut Party feiernde Manager aus Delhi gerne taten.

Hanoi

Diese surrealen schwanenförmigen Tretboote kann man auch an einem der beiden kleinen Stadtseen im historischen Zentrum Hanois mieten. Ich schreibe dies am streng brüstungsumrundeten „Teich der himmlischen Klarheit“, also einem gebändigten See, im irreführend so benannten „Tempel der Literatur“, einer zwischen 1076 und 1915 bestehenden Kaderschmiede hoher Beamte, basierend auf den Gedanken von Konfuzius zu Lebens- und Staatsführung.

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FUN FACT 2

Ein amerikanischer Biomechanik-Professor regte 2005 an, aufgrund der anderen Körperproportionen von Asiaten, entprechend der vereinfacht kürzeren Arme und Beine wegen, Cockpits von Flugzeugen anders zu bauen. Konkret für Vietnamesen, empfiehlt er, den Steuerknüppel 10 cm und die Flügelruderpedale 12 cm näher zum Piloten zu montieren. Bei meinen Inlandsflügen waren, sehr wohl hörbar, einmal ein Australier und das andere mal ein Russe am Steuer. Hoffentlich in keinem zu engen Cockpit.

ALITTA SUCCINEA

Dieser 500 millionen Jahre alte ‚kosmopolitische‘ (ja, Wikipedia nennt ihn so, weil er nahezu weltweit vorkommt) Ringelwurm wird hier in Vietnam im frühen Winter schwimmfähig und fett, verteilt Samen und Eier an der Meeresoberfläche, um bald darauf zu sterben. Frühmorgens wird er an der nahen Küste – und sogar in eigenen Zuchtanlagen – abgefischt und lebendig in den Straßen Hanois verkauft. Nicht sehr apart, diese optische Mischung aus Blutegel und Tausendfüßler – hier aber eine lokale Delikatesse. Die 36 Straßen des Old Quarter Hanois mit ihren längst kaum mehr gültigen Bezeichnungen wie ‚Strasse der Kupferschmiede‘, ‚Straße des Bambus‘ oder ‚Straße der Devotionalpapiere‘ hat auch eine für Produkte dieser Ringelwürmer: Hang Buom. Nur diesem Tierchen gewidmet gab es hier früher daraus bereitete Pasteten, es gab sie fermentiert zu Saucen und getrocknet. Heute sind es eher mobile Händler die Würmer mit Fahrrädern im Zentrum anbieten.

Es war nicht leicht sie in einer der öffentlichen Garküchen zu finden, fritiert als Laibchen, gemischt mit Frühlingszwiebeln, Schweinefaschiertem, gestoßener mandarinenschale und Dille.

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LUXUS, LUXA, LUXUM

Diese lateinischen Adjektivformen, also geschlechtlich variabel, bedeuten ‚verrenkt, ausgekugelt‘. Die schmerzhafte Luxatur ist eigentlich die Verbform in der Vergangenheitsform. Als maskulines Hauptwort wiederum reicht die Bedeutung von ‚Üppigkeit‘ bis ‚Ausschweifung‘. Hier setzt auch die christliche Todsünde ‚Luxuria‘ an, die Wollust.

Eine Vergangenheitsform von Üppigkeit stellen auch klassische Luxushotels dar. Im Schnitt ist das Personal besser gekleidet als die Gäste, im Schnitt geht es um maximale Kontrastierung zur umgebenden urbanen, landeseigenen Realität. So auch beim Metropole Sofitel hier in Hanoi, der Nummer eins am Platz seit vielen Jahren. Ich habe für solche Kontrastprogramme immer ein dünnes Jacket und passable Schuhe im Gepäck, so auch hier. Die Cola-Dose wiegt hier zwei Kilo, steht sie doch zu Kühlung in einer massiven Messinghülle mit dem Art-Deco-Logo des Hauses. Links der Bar singt eine europäische Dame sehr medioker Pop- und Jazz-Standards mit einer irritierend unbeteiligten vietnamesischen Kombo.

Rechts von mir sitzt ein amerikanisches Paar in den Vierzigern, gekleidet in etwas, das eigentlich nicht Sportkleidung sein kann, ihren Körperumfang betrachtend. ein soigniertes deutsches Ehepaar in den 60ern verspeist noble Wague-Burger (japanische, massierte Rinder machen auch vor Vietnam nicht halt), gekleidet in Pullunder und braver Strickjacke.

Die gerahmten Menüs von weihnachtlichen Diners vom Anfang des 20. Jahrhunderts zelebriert leider niemand mehr. Immer wieder faszinierend warum die Anhäufung von Geld oft mit dem Verlust von Stil einhergeht. Hier wird die glorreiche Historie eines Hauses, dessen Stil irritierend fortgesetzt: Stadttouren werden in der Limousine gebucht, das Luxus-Shoppingcenter nebenan wird dem interessanten Chaos dieser Stadt bevorzugt. Keine Wollust, kein Ausrenken aus gewohnten Bahnen.

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SAM-I-AM

Abends aus der UNESCo-geschützten Altstadt Hoi Ans zu meinem Homestay radelnd passiere ich Restaurants und Unterkünfte in dichter Abfolge, kaum unterbrochen durch private Wohnhäuser. Diese haben hier einen kleinen Vorgarten und völlig einsehbare Wohnzimmer mit großen Glastüren. Oft ist schon von weitem die Karaoke-Begeisterung der Vietnamesen hörbar und sehbar: riesige Fernseher leuchten bunt im Dunklen, fette Soundsysteme tragen heftige Bässe und allzu oft allzu hohe Gesangsstimmen über mehrere Straßen hinweg. Im besten Fall laufen auf den Bildschirmen zuckersüße Liebeslieder, im original von vietnamesischen Elfen gesäuselt, hier aber sieht man jemanden auf einer Couch knotzen, meist männlich, mit einem oft silbernen oder goldenen, überproportionierten Mikrophon. Dann wird das vorher sauber intonierte Lied in der Karaoke-Version freudvoll nachgesungen. es gibt kein Volk von Pavarottis und Celine Dions auf diesem Planeten, aber die Vietnamesen – zumindest in dieser Nachbarschaft – proben fleißig dafür.

Bewundernswert der Mut, oftmalig sehr falsch und laut, für alle Nachbarn hörbar, mit voller Inbrunst zu singen. ich passierte eine dieser privaten Wohnzimmer-Karaokeshows, sah aber auch, dass der übliche Vorgarten und eine Terrasse voll waren mit mindestens 50 menschen, sortiert um kleine Tische sitzend, essend und trinkend, oder sich an Stehtischen unterhaltend. Neugierig bleibe ich mit dem Fahrrad stehen, ist doch gerade ein besonders gruslig intonierender Sänger zu Gange. Sofort winkt mich ein älterer Herr in die einfahrt und stellt mich dem Geburtstagskind vor, einem bloß einjährigen Mädchen auf dem Arm ihrer Mutter. Er weist mich an, Platz zu nehmen neben dem einzigen anderen ‚Langnasigen‘ in einer runde von jungen Männern, direkt vor den extra gemieteten riesigen Lautsprechertürmen.

Sam ist Anfang zwanzig, ein junger Amerikaner, der anscheinend zur Familie gehört, wie ich bald merke. er war nach der Highschool und einem ersten, nicht zufrieden stellenden Jahr an einem Fotografie-College für eine Ngo die Dörfler medizinisch betreut als Fotograf nach Vietnam gekommen. er hat orte mit großer Armut und Rückständigkeit gesehen, hat seine Begeisterung fürs Fotografieren, die er seit einem Sommercamp als 14-jähriger besitzt, die er sein ‚im-Moment-sein‘ nennt, ein Jahr lang in deren Dienst gestellt.

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Den mich einladenden Hausherren bezeichnet er als seinen ‚vietnamesischen Vater‘. er beschreibt, wie er ihm eigentlich Englisch lehren sollte, aber gleich am zweiten Tag eine Schaufel in die Hand gedrückt bekam, um beim Hausbau zu helfen.

Sam spricht merkbar brauchbares Alltags-Vietnamesisch, eine Sprache, die sich alle 100km ändert, in Hanoi wäre er unverständlich, sagt er. eine Sprache, in der die Worte für ‚Hab einen guten Tag‘ hauchfein anders ausgesprochen ‚Das ist nicht meine Schwester‘ bedeuten, wie er mir lachend erklärt. Laufend kommen mit ihm befreundete junge Männer vorbei, die neue Dosen des lokalen Larue-Biers vorbeibringen und denen man dann mit Gläsern, in denen Eisberge schwimmen zuprostet: „mot hai ba dzo!“ Dass Nachzuliefern ist, erkennen sie daran, dass man die leere Bierdose einfach unter den Tisch wirft.

Sam hat eine charmante Art, eine Abgeklärtheit mit der vietnamesischen Realität: er lebt seit drei Jahren in diesem Land und geht längst nicht mehr in das touristisch mit tausenden Lampen verkitschte Zentrum von Hoi An. Er hat seine Begeisterung für das Festhalten des ‚JETZT‘ zur Profession gemacht, hat fixe Verträge mit den lokalen Beach-Club-Betreibern, setzt die vielen Hochzeiten jetzt im kühleren Winter aber auch die boomenden AirBnBs fotografisch für die Vermieter in Szene.

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Ich werde ihn nochmals treffen, beim begeisterten Ablichten von vor allem britischen und australischen Twentysomethings auf der Silvesterparty am Strand des hippen ‚La Plague‘, Tequila-Shot-Spiele und lautes Mitsingen britischer Hitparadensongs festhaltend.

Das ‚About me‘ seiner Website als Fotograf beginnt mit‚ ich wurde adoptiert‘. eine der meist in schwarzweiß gehaltenen zehn Fotostories dokumentiert die Suche nach seiner leiblichen Mutter in den USA, die Suche nach seiner Schwester mittels eines Privatdetektivs. und erzählt vom Abbrechen der Unternehmung, er wolle sie später fortsetzen. Ich sah hier nach weil mir bei dem angeheiterten Kindergeburtstag ein Satz von ihm hängenblieb: „Ich bin ja viel lieber hier als in den USA!“. Wegen Trump? Zur karmischen Abarbeitung des Vietnamkrieges? „Nein, sondern weil ich hier ein lebendiges Familienleben habe, ein viel stärkeres Gefühl von Zusammengehörigkeit, Generationen im selben Haushalt umspannend.”

Geliebt werden, jemandem emotional nahe sein, verbunden sein – Sams, unser aller vermutlich lebenslange Suche. Sam-i Am ist übrigens die charmant gezeichnete Figur in einem der vielen Bücher von Dr. Seuss – der kein Doktor war. Katzenartig mit Schweif, unter einem großem Zylinder versucht er einem menschlichen Gegenüber in diversen Wortspielen das Probieren von ‚green eggs and ham‘ nahezulegen. es war der Auftrag der Bücher von Dr. Seuss, den Wortschatz an den das Lesen lernender Kinder anzupassen, in Sam-i-Am benutzte er exakt 50 Worte für eine lehrreiche Geschichte:

Green Eggs and Ham!
You do not like them, so you say?
Try them! Try them. And you may.
Try them and you may I say!

‘Es’ einfach tun. Bravo, lieber Sam in Hoy An!

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Aus kurzen Eindrücken – einer in einem Caphe in Hanoi, der andere in der schicken Strandbar in Hoi An – ergaben sich folgende zwei fiktive Geschichten:

LIVE AND LET DIE

Frank hatte es sich gut überlegt, er würde das durchziehen, einen Plan B gab es nicht. Nicht für ihn. Das Lösen der eigentlich frischen Beziehung mit seiner Freundin wirkte brutal. Oder war es vorsorglich, liebevoll? Dito das Kündigen in der Firma. Als sie von seiner weiteren Entscheidung, dem one-way-Ticket, hörten, verloren sie den glauben an seine Zurechnungsfähigkeit. Wer konnte es ihm wiederum verdenken: seine Möglichkeiten waren zwar begrenzt, so aber auch seine kommenden Bedürfnisse.

Von denen nur er wusste. Alles was er bräuchte, passte in einen mittelgroßen Koffer. Warum es gerade Hanoi sein sollte war ihm selbst nicht klar, der Finger war auf der Landkarte dort stehen geblieben, die Neugier immer noch ein Motor, wenn auch nicht mehr im Turbobereich wie früher. eine kurze Recherche wegen eines wichtigen – dem wichtigsten – Details bestärkte ihn in dieser Wahl.

Passable AirBnBs in ehemaligen, traditionell eingerichteten Bonzenwohnungen waren schon um fünfzehn Euro zu haben, die Rechnung dass seine Finanzen dafür genügen würden, eine leichte. Dass Hanoi nicht an einem langweiligen Strand lag, das Klima angenehm und Deutschland weit entfernt, bestärkte den Entschluss.

Hauptsache weit weg, Hauptsache keine Nähe zu seinem sozialen Umfeld – und daher die ultimativste aller Nähen: die zu sich selbst. Dramatische oder anklagende Gemüter hätten ‚Flucht‘ als Überschrift benutzt. Für etwas, das in ihrem Leben wiederum die Headline ‚Episode‘ haben würde. Für Frank gab es aber kein Danach, keine Fortsetzung.

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Was die Franzosen in Hanoi hinterlassen hatten nach Jahrzehnten der Kolonialherrschaft, war das übliche Selbstgefällige bis Nützliche: Verwaltungsbauten und Villen, inzwischen von korrekten vietnamesischen Kommunisten unbenutze Kinos und Theater. Wie ein Geschwür hatten sie sich auf ein geschwächtes, friedliches Land gesetzt, eines von vielen, hatten es ausbluten lassen, es dann bekriegt. um es letztendlich in eine eigene, unbestimmte Zukunft zu entlassen.

Und Selbstbestimmung war Frank jetzt wichtig – obwohl er selbst nach wie vor der Herrschaft eines Besetzers ausgeliefert war, der ganz klar der Stärkere war, dessen Schritte aber absehbar waren. Deswegen war Frank auch bereit, diesen ungleichen Kampf möglichst lange zu bestreiten. Auch wenn klar war, dass der Krebs siegen würde. es hatte angefangen mit dem Spucken von Blut. An einem ganz normalen Dienstag, auf dem Weg ins Büro. Das erschreckte vor allem einen Nichtraucher wie ihn.

Eine Woche später wusste er auf Grund der ersten Befunde, was der Schlachtplan seines Widersachers war. Er hatte sich anscheinend schon vor Längerem in seiner linken Niere festgesetzt und dort sein Feldlager aufgeschlagen. er hatte still und heimlich begonnen Zellen zu produzieren, die er wie Scouts ausschickte, um das umgebende Abdomen zu erkunden. um in der Topographie von Franks Körpermitte Mittel und Wege zu finden, die eigenes Wachstum verhießen. Metastase ist das passende Wort für diese Kampftechnik, bedeutet doch das griechische Wort ‚metástasis‘ Wanderung.

Franks Körper wusste schon längst von den Invasoren, hatte sie nicht unterschätzt – hatte aber vor kurzem den Kampf aufgegeben. Spätestens als die Lunge vom Feind besetzt war und die Zerstörungen zur Oberfläche schwappten, direkt auf Franks Lenkrad im Auto. Er lernte, dass dieses Monster gegen Chemotherapie bereits resistent war, dass es ebenfalls bereits zu spät war für das Herausschneiden des Kopfes dieser vielarmigen Medusa, die er an seiner Niere nährte. Die ihn unverschämt anlachte auf den Computertomographie-Aufnahmen. Die ihn anlachte und wusste, dass ihr bloßer Anblick schon tödlich sein konnte für Überlebenswillen und Hoffnung des so offensiv Kolonialisierten.

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Frank blieben noch drei Monate, bei aller Ohnmacht der Medizin in seinem Fall. So viel Wissen war vorhanden: er würde keine Schmerzen haben, der Krebs und seine Feldzüge in Franks Körper würden ein plötzliches Organversagen als finalen Schachzug durchziehen. Drei Monate – eine Jahreszeit, vermutlich die Zeit, die man in einem Durchschnittsleben mit Zähneputzen verbringt. Oder in seinem Fall mit Sterben.

Es geht aber auch um’s Leben, um Qualitäten die so subjektiv sind wie die Menschen, die sie bewerten sollen. Und überhaupt, ‚bewerten‘, das war das Letzte, was Frank in den verbleibenden 12 Wochen brauchen konnte. Gleichzeitig das erste, was seine Umwelt ihm zu Hause aufdrängte. Okay, den Job kündigen, das war verständlich – oder auch nicht? Vielleicht ging sich ja doch noch ein letztes Meisterwerk, ein opus magnum aus?

Als Künstler vielleicht, als Finanzbuchhalter sicherlich nicht. Die möblierte Mietwohnung zurückzugeben, die Lebensversicherung zu kündigen und sich auszahlen zu lassen, das waren für ihn die logischen ersten Schritte. Die restlichen, die seiner kompletten Auflösung, ja Auslöschung sollten ebenfalls selbstbestimmt sein. Denn um Auflösung ging es ihm. Sein Weltbild war von seiner eigenen Unwichtigkeit geprägt, von einer Welt, die sich ohne ihn unbeirrt weiterdrehen würde, die keine Sekunde innehält, so wie sie es schon milliardenfach nicht getan hatte.

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Und, wenn er selbst schon keine Schmerzen haben würde, warum sollte seine Umgebung Schmerzen leiden? Sein Vater und sein Bruder waren die einzigen ihm familiär Nahestehenden, die Mutter schon lange tot. Der eine hat beginnende Demenz, ist im Pensionistenheim, der andere lebt entfremdet als Koch in einem anderen Land. Er würde ihnen und einer Handvoll enger Freunde vor dem Abflug knappe Briefe schreiben mit der nüchternen Erwähnung seiner finalen medizinischen Befunde, mit seiner Entscheidung in einem anderen Land zu sterben.

Genauso durchdacht würde er ab der Landung in Vietnam immer seinen Pass bei sich tragen mit einem Kuvert darin, adressiert an die deutsche Botschaft in Hanoi. Darin wäre sein letzter Wille formuliert. Sich auslöschen zu lassen durch Medizinstudenten. Das war das Resultat seiner Recherche die er begonnen hatte, nachdem er mit der Diagnose konfrontiert worden war: Ein eigenes Body-receiving-Team der Hanoier Medizin-Uni würde ihn abholen, in Formaldehyd lagern, zerlegt würde er dann unter Anleitung eines kundigen Anatomieprofessors, die Rinzelteile verbrannt. Auslöschung.

Aus dem Nichts ins Nichts gehen – und dabei seinem Kolonien bildenden Besatzer, dem Krebs, im Tod doch noch eins auswischen. Die 250$ dafür würde er rechtzeitig überweisen.

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NUR EIN BISSCHEN SPASS

Nigel hatte die ganze Runde motivieren können, und so traf man sich an einem der letzten Tage vor Weihnachten am Flughafen. Die Sommersaison in Ibiza war erfolgreich gewesen, noch besser als in den letzten 10 Jahren. Das sollte gefeiert werden – es galt aber auch nebenbei neue Märkte zu erschließen. Er hatte das Geschäft von seinem Onkel Mike übernommen, der hatte in den 90ern Indiens Goa als Geschäftsbereich für diverse Produkte entdeckt, sich aber nun in Frührente nach Marbeilla in Spanien zurückgezogen, seine Finger lieber im internet, in völlig anderen Branchen.

Leicht verdientes Taschengeld, meinte er. Ab und zu unterstützte er Schritte seines Neffen, welcher bereits der geborene Geschäftsmann und Unternehmer war: Er liebte einfach seine Excel-Listen und die fetten Zahlen, die an ihrem Ende standen. Zum Teil konnte er die Lieferantenkanäle seines Onkels übernehmen, zudem wusste er auf aktuelle Trends im Konsumentenbereich einzugehen. Auch im Vertrieb taten sich neue Wege und Möglichkeiten auf.

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Rick, Pete, Ronny und er wirkten wie Brüder: Ende 20, Fitnesscenter-optimiert, in den gerade angesagten Marken gekleidet, laut, aber auch professionell. und trotz aller Ähnlichkeit war Nigel der Chef, die anderen Jungs seine ‚Bereichsleiter‘, wie er sie nannte.

Schon auf dem Flug nach Hanoi gaben sie ordentlich Gas, die Flasche Whiskey aus dem Duty-Free wurde in den Sitzreihen untereinander geteilt. Der anschließende Inlandflug nach Hoi An war vielversprechend mit ein paar schottischen Mädels bestückt, die Sorte, die alle vier mochten: überdreht und partygeil.

Der High-End-Lifestyle, den sie von ibiza her kannten, war hier zwar nicht zu halten, aber der übers Internet vorab gemietete Bungalow ‚in Strandnähe‘ trotzdem einer der teuersten, immer noch bloß der halbe Preis derer auf den Balearen. Genauso übers Netz waren von Nigel im Vorfeld die coolsten, qualitätsvollsten Restaurants und Bars an der Touristenmeile vor ihrer Haustüre herausgefiltert worden. Nigel konnte das Geschäftliche nie ganz aus den Augen lassen, hatte also seine Top 3 schon selektiert. Er wusste ja aus ibiza, wie leicht es war, Partner vor Ort zu finden, wenn der Bedarf vorhanden war.

Wie aus den Tripadvisor-Kommentaren ersichtlich war die Klientel hier vor allem Engländer und Australier, seine Zielgruppe: hedonistisch, konsumorientiert, bereit, ihr Geld loszuwerden. Noch besser, wenn der Urlaub so billig wie hier war, da hatte man dann extra Dong, um sie gleich hier zu verbrennen. Langusten, Tintenfisch, Ente, gegrillt, sautiert, großzügigst mit exotischen Kräutern gewürzt.

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Und dazu italienische Weißweine, viel billiger als in den Nobelrestaurants in London, in denen Nigel Stammgast war. Dann kam das Päckchen im Amazon-Karton. Aus Spanien. Wunderbar diese moderne Vernetztheit, Türen zu neuen Geschäftsmodellen und Vertriebswegen öffnend. Weihnachten bis Boxing Day, also dem 26.12., waren die vier, englischer Tradition entsprechend, mit Trinken beschäftigt – und trotzdem war auch die berufliche Beziehung der jungen Männer spürbar.

Da gab es zu Weihnachten keine Sentimentalitäten, Geschenke hatte man, wennvüberhaupt bereits zu Hause an Familie und Freunde verteilt. Hier ging es darum, ein weiteres, gemeinsam erfolgreiches Geschäftsjahr zu feiern, ein neues Projekt einzuläuten. Männerbünde, ja, Blutsbrüderschaften wie diese hatten immer eine, sich durch den Whirlpool von Testosteron, Alkohol und physischer Überlegenheit aufbauende Energie die Bulldozern ähnelte. Vor allem in einem Land, in dem vergleichsweise kleinwüchsige und zurückhaltende Menschen leben. Der harte Südlondoner Cockney-Akzent tat sein Übriges als Geschmacksverstärker ihrer Intentionen.

Gleich am Weihnachtsabend gab es eine, sogar mit Flyern beworbene, Party im LaPlage-Beachclub, in diesem ehemaligen Fischerdörfchen, in dem sie ihre Strandvilla hatten, ein auf archaisch mittels Palmwedeldach getrimmter Neubau eines der vielen lokalen Neureichen, die vom Kulturerbestatus Hoi Ans – 1999 verliehen – satt profitieren. Einfache lokale Restaurants waren inzwischen zu Franchises gewachsen, im “morning glory” konnte man zu fast europäischen Preisen Fusionsküche speisen.

 

Der USP von traditionell beliebten Papierlaternen wurde gefühlt millionenfach im Stadtbild multipliziert, moderner LED-Technik sei Dank. Der historische Stadtkern wurde eine Fußgängerzone, durch die zyklisch Armadas von Fahrradrikschas mit, vor allem, koreanischen Touristen pflügten. Asiatisch gruppendynamisiert in die Polyesterversion historischer Kleidung gesteckt, für einen Tag, Reisstrohhut inklusive. Da war das Touristenghetto von Nigel und den Jungs fast authentischer, wenn auch letztendlich austauschbarer mit Ähnlichem in Thailand oder Bali.

Der Abend im LaPlage begann schon stilvoll mit gegrillter Riesenlanguste und Shrimpsrisotto sowie spanischem Cava, zum Aufwärmen. Man beeindruckte die Kellner mit Großzügigkeit beim Trinkgeld, streckte gleichzeitig die Fühler nach mögliche Vertriebspartnern aus. Diese würden sich erfahrungsgemäß im Personal hinter der Bar finden lassen. Der DJ und seine Clique aus internationalen Aussteigern wurde ebenfalls in kurze erste Gespräche verwickelt und unter der Hand mit Produktproben, Preisangaben und Kontaktdaten versehen. Als die vier sich dann um Mitternacht eine große Schüssel gefüllt mit Eis – und sogar hier teuren –
Wodkaflaschen zur belebten Tanzfläche bestellte, war schon klar, dass Intuition, digitale Feldforschung und unternehmerischer Mut sich lohnen würden.

90er-Jahre-House-Hits und eine mit Coca gehobene bis betrunken abgehobene Partycrowd waren einfach die perfekte Kombination, abgerundet mit lauer Nachtluft, bunt angestrahlten Palmen und dem Rauschen des Meeres im Hintergrund. Stunden später stiegen die glorreichen Vier in Taxis, Nigel mit einem der properen Mädchen vom Herflug im Schlepptau.

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Ein weiteres gutes Omen für Nigels Gespür für Zeit und Ort. Das Feedback der am Weihnachtsabend angetriggerten potentiellen Geschäftspartner trudelte per WhatsApp auf ihrem schon in Hanoi am Flughafen gekauften Mobiltelefon ein. Die Texte waren sehr positiv und bereits erstaunlich professionell in den naheliegend verschlüsselten Aussagen, dass man sich “auf ein geschäftliches Wiedersehen am Silvesterabend” freue. Bingo! Der Inhalt des Amazonpäckchens, um den es eigentlich ging, – der Kaffee und ebenfalls stark duftende Seifen waren nur olfaktorische Ablenkung – wurde jetzt konsumentenfreundlich abgepackt, die Tage bis Silvester ganz nebenbei auch für die Jungs versüßend.

Das vietnamesische Staatsdekret 82/2011/ND-CP bestimmte, dass zur Ausführung der Todesstrafe 1982 namentlich genannte Chemikalien injiziert werden sollen. Eine Aktualisierung zwei Jahre später nennt diese nicht mehr beim Namen, weil der Lieferant aus der EU sie für diesen Zweck nicht mehr exportieren darf. Man holte sich also Know-How von Schweizer Sterbehelfern und neuseeländischen Chemikern. 2018 wurden 115 Menschen in Vietnam exekutiert, das Rechtssystem fällt bei ‚ausreichender Beweislage‘ sofort Todesurteile – ohne lange Verhandlungen, juristische oder politische Interventionsmöglichkeiten. Nigel, Rick, Pete und Ronny hatten in diesen letzten Tagen vor Silvester durch ihre Erstkontakte weitere Interessenten entlang der Küste vermittelt bekommen.

Nigel wusste: das Feld war bestellt, die Ernte der Früchte dieser geübten Anbahnungen hier genauso über Jahre hin garantiert. So wie sie nach den ersten Jahren in London erfolgreich ibiza, Beirut und Dubai mit ihrer Netzwerktechnik erobert hatten.

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Das tumbe schottische Mädchen war inzwischen gegen eine smartere, ebenfalls dralle Norwegerin ‚auf Sabatical‘ ausgetauscht worden. Das garantierte noch mehr Spaß an diesem Silvesterabend, aber auch Assistenz, nachdem es galt, zuerst Ware und daraufhin Kuverts mit mehr als einer Milliarde Dong zu verstauen (Nigel hatten die vielen Nullen der Währung anfangs belustigt). Jedenfalls hatte man ihr am Night Market eine übergroße gefälschte Michael-Kors-Tasche besorgt.

Die Bezahlung wünschte sie in ‚Naturalien‘, diese gierige Göre! eigentlich war alles schon übergeben, kassiert, abgeschlossen und eingesackt, als gegen Mitternacht das Polizei-Sonderkommando über den Strandclub herfiel. Gezielt wurde die Londoner Clique mit ihrer nordischen Geldtransporterin aus der Menge gepickt und gegen die Wand neben der Tanzfläche gestellt. Was zu den nach wie vor pumpenden Housebeats zunächst wie eine Show-Einlage wirkte. Das Gegröhl der inzwischen aufgeputschten Partycrowd kippte aber schnell in Kreischen und hysterisches Flüchten.

Die Wand unter den Palmen war gerade lang genug, um auch Platz zu bieten für die Barkeeper und zwei der Manager, allesamt gezwungen den türkisblauen Verputz breitbeinig stehend anzustarren.

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Sie alle würden nie erfahren, ob das gefälschte Amazonpaket abgefangen und dann als Köder trotzdem zugestellt worden war. Oder ob die heftig trinkende Schottin besoffen den falschen Leuten von Nigel, den Jungs und deren auch sie erfrischenden Postsendung, erzählt hatte. Vielleicht war einer der Barkeeper mit anderen Lieferanten bereits besser im Geschäft und hatte sie verpfiffen? Nigel wäre nie auf die tatsächliche Erklärung gekommen: Sein Onkel Nick war in Spanien nach monatelanger Observierung auf dem Weg zum Postamt mit dem Paket unter dem Arm festgenommen worden.

Der Rest war eine fein abgestimmte Unternehmung internationaler Netzwerke, so wie Nigel sie selbst gerne aufbaute, nur zu anderen Zwecken. Aber das war jetzt alles irrelevant: 1,408kg kaum verschnittenes Kokain – Produktqualität war Nigel immer wichtig – genügte für die ersten 11 Todesurteile in diesem neuen Jahr.

Nachtrag: Onkel Nick war auch die Rettung für die vier Engländer, und zwar nur für diese. Sofern man jahrelange Gefängnisstrafen dem Todesurteil vorzieht. Nachdem der Polizei-Coup in Bezug auf das Quartett in Vietnam von Spanien aus initiiert worden war, konnte erfolgreich ein Auslieferungsantrag gestellt werden.

…zurück in meine Reisererealität:

Der abschließende bewußt gebuchte 15-Stunden-Stopover in Doha/Quatar war 15 Stunden zu lang: Brainwashing in Richtung Fusball-WM 2022, der auf alt getrimmte riesige Bazar-Neubau, mit alten Männern, die Gruppen verschleierter Frauen die Einkäufe in rostigen Schubkarren zum Range Rover in die Tiefgarage fahren.

Die abgerockten Viertel für die „Gastarbeiter“ direkt daneben: doppelt so viele Inder wie die 300.000 Quatari, diese fast gleich an Zahl mit Bangladeshi, Ägyptern und Philipinos.

Die riesigen Imitationen englischer Stararchitekten als blinkende letztendlich uninteressante Phalli am Horizont. Heruntergekühltes, kurzes in-den-Schlaf-Flüchten am Aeroport.

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INDIA FOREVER

INDIA FOREVER

INDIEN FOREVER

1995

Indien …immer wieder Rajasthan! …Pushkar, Ajmer, Bundhi, Vrindaban, Jaipur!…

Indiems Norden …die Vorhimalayas

Indias Süden

…Pondycherry, Aurovilles…

Kumbh Mela 2013…

…am Zusammenfluss von Yamuna und Ganges… in Allahabad… alle 12 Jahre…34.000.000 Pilger

PAKISTAN

PAKISTAN

malang!

16.12.00 – 901.01

2002 …Vertiefung der Freundschaften…

Pakistan 2004 …2002 und 2001 …Endlich die Möglichkeit: der heilige Weg von Sehwan Sharif zur Oase Shah Noorani, mit lokalen Begleitern. 10 Tage Verzückung…

…und 2 Monate später …Betreuer im KSHM. Danke Pakistan, Ishq!

MIXED TRAVEL

MIXED-TRAVEL-BAG

 

Gerald Benesch

„Burning Man/Woman“

Fantastische Erinnerungen auf Paper

2008 in Peking

Farben vom Markt, Papier. Ausatmen im Hotelzimmer nach 2 Wochen Mongolei

2009 in Asmara

Die Kamera in der einen Hand, den Stift und die ersten Erinnerungen in der anderen.

Opio bei Nizza

Der Landsitz eines Wiener Feundes – mehmals verzaubernde Momente…

Madagaskar 1999

…wegen der Vanille, der Pirateninsel Sainte Marie – aber vor allem der Musik eines Jazzorchesters…

Beirut (und Byblos)

Monate vor der grossen Explosion… Grandezza und Verfall…

Ägypten 1988,1993…bis 2020

Auf dem Boot, dem Kamel, im Bus und per Fahrrad…

Mali 1998

..Wegen der Musik, der Dogon in der Fallaise.. Gestrandet am Fluss Niger….

Laos&Nordthailand

…Klosterstadt Luang Prabang, den Mekong rauf… Hunderte Budddhas in Sukothai….

Sulawesi ‚96

…diesmal nicht Musik folgend sondern einem ethnologischem Buch über den Begräbniskult im Hochland Thorajas….

REISEN

“Life is a bridge. Cross over it,

but build no house on it.”

Bruce Chatwin, The Songlines

BERLIN PORTO AMMAN NEAPEL LA VALLETTA

Gerald Benesch

OKT-DEZ 2021

reisen

Das Wort reisen hat in seiner althochdeutschen Herkunft die Bedeutung aufbrechen, sich aufmachen. Das englische Wort “rise” klingt nicht zufälligerweise ähnlich. Und doch hat der Begriff durch die Jahrhunderte viele Bedeutungen bekommen. Es wurde benutzt, wenn man auf Kreuzzug ging, oder, um Matrosen den Befehl zum Aufstehen, zum Hissen der Segel zu geben. Und Wikipedia erklärt mir, dass man zwischen Reisen und Tourismus unterscheiden solle. Ersteres diene der persönlichen Erfahrung, Zweiteres wird als passives Sich-Bespielen-Lassen gesehen.
Meine Spielart ist eine Mischung aus beidem: Die Erfahrungen und Bereicherungen erfahre ich durch Auf-mich-Zukommen-Lassen. Lange schon sind mir die hochkulturellen und künstlerischen Höhepunkte eines Landes sekundär, mein Erleben und Sehen findet im Alltag des besuchten Landes statt.

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Amman!

Amman! Auch wenn es in diversen Lokalen „Cocktails“ gibt, so sind diese selbstverständlich ohne Alkohol, aber mit den gleich lautenden westlichen Namen bestückt. Und dann tauchen am Abend vor dem Freitag plötzlich Lichter in den sonst dunklen Geschäften in Seitengassen auf, man erkennt diese erst jetzt als Shops für meist harten Alkohol, ein paar Fruchtsaft-Tetrapack sind auf der Theke in den Vordergrund geschoben. Und was bei uns ein cooler Barkeeper ist, ist in Jordanien der Typ in einem der vielen Parfumläden. Besonders der junge Mann mit der gegelten Frisur und interessanterweise Vollvisiermaske hat Moves, Gesten und Abläufe, die mich an die coolen Jungs der Schulz-Bar in Wien der 90er erinnern. Hinter ihm eine Wand mit mindestens 100 goldenen kleinen Fläschchen, die meisten mit den Essenz-Namen versehen, der Rest mit internationaler Produktnamen und deren Fälschungen, von Tom Ford bis Dior. Diese Fläschchen werden in kunstvoller Bewegung aus dem Regal gehoben, Seite an Seite auf die Theke gestellt und dann den Wünschen des vor ihm stehenden Kunden gemäß kombiniert. Was bei uns in einem Cocktailglas endet, wird hier mit einer Pipette aufgezogen und in einem wunderschön manirierten Bewegungsablauf auf den Kunden zum Testen versprüht.
Auch immer interessant, was meine Alltage in Ausländern betrifft: Hier finde ich mir zum Beispiel jeden Tag ein Cafe oder ein Restaurant, um eine Shisha zu rauchen – etwas das ich in Wien seit Jahren anvisiere, aber nie tue. Das Beobachten des Strassengeschehens versüßt mir meist die Tabakmischung Zimt & Apfel.

2

Berlin!

Bei meinem ersten Besuch im letzten Jahrtausend war die Stadt nicht greifbar, mit der U-Bahn kompliziert zu erkunden. Bei einem Dreh vor fünf Jahren war es plötzlich mit dem Fahrrad ein Leichtes, von Kreuzberg zum Kurfürstendamm, vom KDW nach Berlin-Mitte zu gondeln. Vor 15 Monaten war ich mal zwei Tage hier, um mir im “Ritter Butzke” etc. die Ohren durchblasen zu lassen, heuer kam ich nicht dazu, lockdownbedingt – und, ich war ja wegen Mrs. G. in der Stadt. Also raus aus dem Underground zu boomenden Bio-Straßenmärkten und ins neu eröffnete Humboldtforum, das gerade – exemplarisch und berechtigt – im Zentrum der Debatten über die Rückgabe von zu Kolonialzeiten geraubten Kulturgütern steht. Soviel zum Sinn des Reisens: Muss es ein Objekt sein, ist nicht die eigene Wandlung/Spiegelung im Anderen/Fremden als Mitbringsel viel wertvoller?

5

Neapel!

In Antonellas AirBnB, in einem historischen Haus mit Portier und drei Eingangsschlüsseln im zweiten Stock, sind Tische und Sideboards dezent, aber gut erkenntlich mit Erinnerungen bestückt: der überlebensgroße steinerne Buddhakopf beim Eingang, die auf Gips gemalten Hieroglyphen aus dem Touristenshop in Luxor, die Mini-Akropolis aus Athen. Es wirkt wie ein Museum, und das ist es auch: der gefrorene Status Quo nach der Scheidung vor 10 Jahren. Sie selbst wohnt im Bereich des alten Schlafzimmers und dessen Vorzimmers hinter einem Vorhang, ab und zu huscht sie in die gemeinsame Küche. Die Gäste wohnen in den adaptierten, noblen, ehemaligen Kinderzimmern. Den Sohn in Paris zu besuchen, scheint ihr schon zu anstrengend. Die Stadt selbst ist eine herbstlich feuchte Mixtur aus den engen Gassen des Spanischen Viertels, den noblen Einkaufsstraßen und den vielen historischen Bauten – gut durchmischt mit Graffitis und den Restauranttipps aus dem AirBnB. Dort wird man auch gleich über die Gasse zu einem groß angelegten Geburtstagscocktail geladen – der Sommer ist hier auch im November noch nicht vorbei!

6

Porto!

Im Oktober, nach den Flugabsagen im Vorjahr, endlich ein Wiedersehen nach 20 Jahren. Und dann der direkte Vergleich zu Lissabon: Das hat sich von der armen, verwahrlosten alten Dame inzwischen zu einer allzu schicken Trendstadt entwickelt, vorbei an der Tatsache, dass man hier im Schnitt ein Drittel weniger als im europäischen Mittel verdient. Und das merkt man in Porto noch sichtbarer: Viele Geschäftsportale sind seit Jahrzehnten nicht modernisiert, kleine Weinlokale bieten gebratene Sardinen um zwei Euro pro Teller für leicht verwahrloste Alte an. Als Kontrapunkt sind historische Hafenviertel, die früher dem Beladen von Schiffen, dem Lagern von Portwein dienten, jetzt von Touristenansammlungen und den entsprechenden Lokalen vereinnahmt. Darüber thronen zwei anhöhenverbindende Brücken über dem Douro, jeweils von Gustave Eiffel und einem seiner Schüler errichtet. Im Vorfeld gebucht, gelingt es mir bei einem Surfkurs, mehrmals phänomenale fünf Sekunden auf dem Brett zu stehen. Gefeiert wird das neben dem Club in einer alten Bücherei bei mir ums Eck in einem der innovativen Bar-Restaurants mit feinst präsentierten modernen Varianten von portugiesischen Küchen- klassikern. Das weiß ich, weil es in den Beisln sonst sehr deftig zugeht mit Innereien und Bohnen und salzgetrocknetem – und dann wieder eingeweichtem – Bacalao-Kabeljau.

7

La Valetta!

Auch ein Wiedersehen, hier nach fast 30 Jahren. Damals war mein Radius ohne Mietauto begrenzt, die Busfahrten zeigten mir aber, wie verbaut eine Insel sein kann, wie irritierend die großen Dome und Kathedralen in jedem Kaff sind. Damals allerdings belohnt mit der Ankunft bei einem der wöchentlich wechselnden Kirchenfeste, inklusive Umzug und Blaskapelle. Anfang Dezember wurde gerade eben trotz offizieller Herdenimmunität wieder Maske im städtisch-öffentlichen Raum getragen. Also rein ins Mietauto und eine im Netz gefundene Liste abfahren: die Fantasyserie Game of Thrones wurde zum Teil hier gedreht, zehn Locations die zum Teil nicht in den touristischen to-do-Listen stehen will ich besuchen. Malta ist eine wunderbare Melange aus diversen Kulturen: Griechen, Römer, Phönizier, Punier/Araber, Franzosen und Engländer waren hier bis 1964 an der Macht – und diese Mischung ist allgegenwärtig, am meisten in der Sprache melangiert, klingend wie ein Mix aus Neapolitanisch und Arabisch. Entsprechend heißt die alte Hauptstadt M’dina, ein Koloss aus dem typischen honigfarbenen Kalkstein, die engen Gassen für Angreifer bewusst in Labyrinthform angelegt. Nächster Stopp ist der Konvent St. Dominic’s in Rabat, der tatsächlich in der Zeit seiner Gründung stehen geblieben zu sein scheint, mit von Mönchen gepflegtem Orangengärtlein in der Mitte – und gefährlich wackelndem Aufzug im Seitentrakt. Wilde Küstenlandschaften, der von mir zweimal bewundernd besuchte barocke Garten von San Anton und ein Tag auf der relaxteren Nachbarinsel Gozo lassen mich wieder versöhnt sein mit Malta – und satt vom Reisen. In diesem Jahr.

8

“The meaning of life is just to be alive. It is so plain and so obvious and so simple.

And yet, everybody rushes around in a great panic as if it were necessary to achieve something beyond themselves.”

Alan Watts